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Himmelfahrt im Winter? Guido Reni in Frankfurt
Bild: pixabay

Himmelfahrt im Winter? Guido Reni in Frankfurt

Dr. Marco Bonacker
Ein Beitrag von Dr. Marco Bonacker, Leiter der Abteilung Bildung und Kultur im Bischöflichen Generalvikariat Fulda
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Grau und trist, Wind und leichter Regen. Der Main, sonst so ruhig und geduldig, wirft Welle um Welle ans Ufer. Ich stehe in Frankfurt und blicke an diesem tristen Tag, am Anfang des Jahres auf die Skyline. Kein Wetter für gute Laune, denke ich, und doch bin ich bestens gestimmt. Ich drehe mich um, und mein Blick fällt auf das große himmelblaue strahlende Plakat an der Außenwand des Städels. Darauf steht: "Guido Reni - Il divino." Schon der erste Blick ein absoluter Kontrast zur grauen Umgebung. Guido Reni, der 1575 in Bologna geborene einflussreiche Maler zwischen Barock und Klassizismus, ist also mit seinen Werken zu Gast in der Mainmetropole. Ich freue mich schon lange auf diese Ausstellung. Das allgemeine Interesse an diesem Tag: eher mäßig. Was gut ist, denn jedes Bild kann ich so in Ruhe betrachten und mich ohne Hast und Gedränge treiben lassen. Also raus aus der nassen Jacke, Schirm und Tasche abgeben und los geht’s.

Die Schönheit mit den Augen des Malers sehen

Schon der Beginn der Ausstellung ist ein Statement: Ich werde begrüßt durch ein übergroßes Bild der Himmelfahrt Mariens. Die Blicke der Gottesmutter und der sie begleitenden Engel - typisch Reni. Schmachtende, nach oben gewendeten Augen, die Entrückung, Anbetung und Frömmigkeit geradezu herausschreien. Kritisch könnte man sagen: frömmelnd, sentimental und zuckersüß! Und trotzdem sind diese Bilder von einer Anmut und Ästhetik, die trotz aller malerischen Genauigkeit die Idealisierung der Wirklichkeit zum Ziel haben. Dass Reni selbst auch wirklich fromm gewesen war, und glaubte, was er malte, das nimmt man ihm sofort ab. Die religiösen Bilder sind durchweg katholische Bildwelten und folgen im konfessionellen Zeitalter, in dem der Maler zu Hause ist, der römischen Theologie. Auftraggeber sind nicht selten Päpste und Kardinäle. 

Religion und Mythologie: eine Begegnung

Das alles sind nun wahrlich keine guten Voraussetzungen, um im in vielen Teilen Europas die gebührende Beachtung zu erfahren: umso mutiger und erstaunlicher diese Ausstellung im Städel. Ein religiöses Meisterwerk reiht sich an das nächste: Christus als Schmerzensmann, David gleich zweimal auf sehr unterschiedliche Weise gegen Goliath, der Hl. Hieronymus und der Engel oder das Damaskus-Erlebnis des Paulus. Hier schaut selbst das Pferd verzückt in den Himmel.

Der barocke Reni im Hier und Jetzt!

Reni zieht uns mit seinen malerischen Kompositionen in eine Zeit und in einen Kontext, den viele sicher weit entfernt wähnen. Wo ist die Verbindung zu heute? Was sagen diese Bilder einem modernen Menschen? Wahrscheinlich kann man darauf nur persönlich antworten und ich will es versuchen: Ich bin glücklich und beschenkt aus der Ausstellung gegangen. Wahrscheinlich, weil ich heute, nach einem weiteren Jahr der Krise in vielen Bereichen, den Blick auf das Ideal, auf die Schönheit, auf den Menschen, wie er sein könnte, gut gebrauchen können. Weil der Mensch Begriffe wie Erlösung, Vollendung, Himmel und Ewigkeit nicht nur abstrakt denken kann, sondern dafür Bilder braucht. Jeder von uns macht sich diese Bilder selbst, wenn wir die Begriffe hören. Was heißt heute Vollendung, Erlösung und Ewigkeit? Nicht selten können Menschen heute aber nur noch gebrochen oder mit augenzwinkernder Ironie diese Begriffe denken. Reni nimmt sie jedoch ernst. In seiner Epoche ist das Schöne gut und auch noch wahr. Und vielleicht ist es das auch heute noch. Die Reni-Schau jedenfalls wurde für mich zu einer wahren Himmelfahrt. Mehr kann man für 16 Euro Eintritt wahrlich nicht verlangen. Wenn Sie noch nicht da waren, gehen Sie hin! Es lohnt sich.

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