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Kunst und Religion lassen sich nicht verrechnen
picture alliance/empics/Ben Birchall

Kunst und Religion lassen sich nicht verrechnen

Dr. Matthias Viertel
Ein Beitrag von Dr. Matthias Viertel, Evangelischer Pfarrer, Kassel
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Zum Foto: Hier kommen Kunst und Religion zusammen: Pfarrerin Chantal Mason bewundert das Kunstwerk "Der Mond auf Erden" in der Bath Abbey/Groß-Britannien. Der Künster Luke Jerrams hat mit der Kunstinstallation in der Kirche einen sieben Meter-Durchmesser-Mond mit NASA-Bildern der Mondoberfläche gestaltet. Das Foto entstand im November 2021.

Kunst kann teuer sein, ist aber unbezahlbar

Immer wieder werden die großen Summen beklagt, die Museen kosten und vor allem Opernhäuser, die ja nur von wenigen besucht werden. Die Rechnung ist einfach: Da nimmt man die Gesamtkosten und teilt sie durch die Zahl der Besucher; und schon weiß man, in welcher Höhe der Steuerzahler jeden Besucher subventioniert. So plausibel das klingt, ist es doch nicht richtig. Denn subventioniert werden nicht die Besucher, sondern die Kunstwerke selbst!

Ein Lied von Franz Schubert, ein expressionistisches Bild

Die Bilder und Skulpturen in den Museen, aber auch die großen Werke der Komponisten, stellen einen immensen Schatz dar, der gehütet werden muss. In den Kunstwerken präsentiert sich die Menschheit von ihrer besten Seite: Es sind die Ergebnisse einer Kultur, auf die wir alle stolz sein können. Und wenn mich jemand fragt, warum es sich lohnt zu leben und auf der Welt zu sein, dann fällt mir die Antwort sofort ein: Um die Bilder der Expressionisten anzuschauen, um ein Lied von Schubert zu hören, um eine Aufführung von Verdis La Traviata zu erleben. Eine Welt, die so etwas hervorbringt, kann nicht nur schlecht sein. Das alleine wäre es wert, aber das lässt sich nicht verrechnen, es ist viel wertvoller.

Der Glaube braucht einen geschützten Raum

Ähnlich verhält es sich mit der Religion. Natürlich kann und muss man danach fragt, was die Kirchen kosten. Aber wer die Summen dann womöglich auf die Zahl der Gottesdienstbesucher umrechnet, und zu dem Ergebnis kommt, die Kirchen seien zu teuer, weil sie oft so leer sind, hat eine falsche Perspektive. Denn genau so, wie die Museen für die Kunstwerke gemacht sind, ist die Kirche da für den Glauben an Gott. Auch dieser Glaube braucht einen Raum, auch er muss geschützt und bewahrt werden, um nicht in Vergessenheit zu geraten.

Nutzlos und zugleich unendlich wertvoll

Die Religion mit ihrer Geschichte ist ein feines Gewebe, eine Art geistliches Kunstwerk, in dessen Mittelpunkt Gott steht. Auf ihn ist alles ausgerichtet, er muss im Mittelpunkt bleiben. Und dabei geht es gar nicht um Nutzanwendung oder um die Frage, ob mir das persönlich etwas bringt. Ein Kunstwerk hat ja auch keinen Nutzen, es muss auch nicht unbedingt gefallen, es ist einfach da. Ein Bild von Rembrandt verliert nicht Wert und Bedeutung, nur, weil es nicht mehr gefallen könnte.

Es gibt das Gute und Schöne

Museen und Kirchen haben das gleiche Ziel: Sie zeigen, wo wir herkommen und dass wir eine Zukunft haben. Sie hüten und bewahren das, was so wichtig ist, dass es den Wert von Geld bei weitem übersteigt. Solange Menschen Kunstwerke bestaunen, solange sie singen und musizieren, solange sie miteinander beten und bitten; so lange gebe ich meine Überzeugung nicht auf, dass es gut ist, auf der Welt zu sein.

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