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Das Gedächtnis der Menschheit
Bild: Pixabay / Stefan Keller

Das Gedächtnis der Menschheit

Maike Westhelle
Ein Beitrag von Maike Westhelle, Evangelische Pfarrerin, Schulseelsorgerin, Kassel
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„Das Gedächtnis der Menschheit
für erduldete Leiden ist erstaunlich kurz.
Ihre Vorstellungsgabe für kommende
Leiden ist fast noch geringer.“

(B. Brecht)

Ein Gedicht für den Kongress der Völker für den Frieden 1952

Bertolt Brecht hat diese Zeilen als Auftakt eines Gedichts zum Kongress der Völker für den Frieden geschrieben. Dieser fand 1952 in Wien statt. Künstler, Intellektuelle, Pazifistinnen hatten dazu aufgerufen. In seinem Gedicht führt Brecht vor Augen: Trotz der gerade erlebten Gräuel des zweiten Weltkriegs treten die Menschen nicht für den Frieden ein. Er prangert an, dass Erinnerung und Mitgefühl fehlen. Und er mahnt mit eindringlichen Worten: „Diese Abgestumpftheit ist es, die wir zu bekämpfen haben, ihr äußerster Grad ist der Tod.“

Kriegsmüde - ein anderes Wort für Abgestumpfheit

Dieses Gedicht ist mir wieder eingefallen, als ich in der Zeitung las, dass die Deutschen kriegsmüde werden. Kriegsmüde ist wohl nur ein anderes Wort für die Abgestumpftheit, von der Brecht spricht… Es stimmt leider: auch bei uns zu Hause sind Krieg und Mitleid immer weniger Thema. Wir haben schon länger nichts mehr für die Ukraine gespendet. Das eine Fahrrad, das wir hergeben wollten, steht noch auf dem Balkon, weil keiner sich darum gekümmert hat, es zu verschenken.

Ein schwieriger Balanceakt

Es ist ein schwieriger Balanceakt: Empathisch und offen zu bleiben, mitzuleiden und zu helfen und sich andererseits nicht aufzureiben. So ganz klar ist mir noch nicht, wie das gut gelingt. Aber ich bin ganz sicher: mitzuleiden und die Erinnerung an das Leiden wachzuhalten ist der richtige Weg. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ (Mk 12,31) – ist ein zentrales Gebot der Bibel.

Wenn ich liebe, verändert sich was

Und wenn ich liebe, dann bin ich auf jeden Fall emotional nah bei dem oder der anderen. Mitzuleiden ist dann ebenso selbstverständlich wie zuzuhören und zu erinnern. Von daher wünsche ich mir, dass ich und wir empfindlich bleiben. Dass unser Gedächtnis für die Leiden nicht zu kurz ist und wir nicht abstumpfen.
 

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