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Die Zeit auskosten
Bild: pixabay

Die Zeit auskosten

Daniel Stehling
Ein Beitrag von Daniel Stehling, Pastoralreferent und Katholischer Religionslehrer, Fulda

Durchsagen dröhnen durch die Lautsprecher. Reisende eilen hin und her. Bremsen quietschen. Ich bin wieder mal mit meinem kleinen Sohn Linus am Bahnhof. Züge schaun. Für uns beide ein großes Vergnügen. Denn Linus und mich interessieren die Züge, Loks und Abläufe am Bahnhof gleichermaßen. Was Besseres kann mir als Vater nicht passieren. Was es da alles zu sehen gibt. Deutschland ICE, Güterzüge, verschiedenste Loktypen und immer wieder Bauzüge. Einfach spannend. Ich stehe mit Linus etwas abseits vom großen Reisegeschehen, aber mit dem besten Blick auf alle Gleise unseres Bahnhofs.

Auf einmal streckt Linus seine Hand aus. Deutet mit seinem kleinen Zeigefinger schräg nach oben. Und sagt zu mir: "Schau mal Papa, die Uhr da. Die steht ja." Er deutet auf eine der Bahnhofsuhren am Bahnsteig. Es ist eine der alten Art. Mit rotem Sekundenzeiger, der am oberen Ende einen roten Kreis hat. Vielleicht erinnern Sie sich noch an diese Uhren. Und nach einem prüfenden Blick auf meine Armbanduhr sage ich zu Linus: „Die Uhr steht nicht, sie zeigt die richtige Uhrzeit an." Und noch während ich das sage, ruft Linus: "Schau doch jetzt!" Und tatsächlich! Nachdem der Sekundenzeiger auf die 12 gesprungen ist, hält er eine kurze Zeit an. Gefühlt wohl einige Sekunden. Mit dem Weiterspringen des Minutenzeigers setzt sich schließlich auch der Sekundenzeiger wieder in Bewegung.

Gebannt starre ich noch eine Weile auf die Uhr. Während Linus schon dem nächsten einfahrenden Güterzug freudig zuwinkt, denke ich noch über die kurze Pause des Sekundenzeigers nach. Dabei wird mir klar: Es braucht ein intensives Jetzt. Ein echtes Wahrnehmen der Zeit, in der ich mich gerade befinde. So kann ich das Hier und Jetzt auskosten. Als Christ glaube ich, dass ich Teil der Schöpfung Gottes bin, die "sehr gut" ist, wie die Bibel im Buch Genesis sagt. (Gen 1, 31) Diese gute Schöpfung Gottes immer wieder im Achten auf das "Jetzt" des Lebens zu finden, hat mir mein Sohn Linus mit der Beobachtung des stehen bleibenden Sekundenzeigers der Bahnhofsuhr wieder einmal deutlich gemacht.

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