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Nur mit Lippenstift
Bild: Ikdigo/Pixabay

Nur mit Lippenstift

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Nur mit Lippenstift, sagt Svenja, Anfang zwanzig. Ohne gehe ich nicht aus dem Haus. Niemals. Ich will ja leuchten. Gut gekämmt, etwas Puder. Und Lippenstift. So ist Svenja, seit sie dreizehn ist. Da wurde ihr klar, wie sie aussieht.

Ein Unglück mit Folgen

Mit der großen Narbe im Gesicht. Als sie ein Kind war, hat sie sich verbrannt. Ein Unglück mit Folgen. Es ist zwar besser geworden, sagt Svenja. Es war aber schlimm, damals, mit dreizehn. Am liebsten hätte sie sich verkrochen. Oder die Haare drüber gekämmt. Das ging damals nicht.

Lippenstift betont die Svenjas schöne Lippen     

Aber Lippenstift geht. Svenja merkte, wie hübsch ihre Lippen sind. Schön geformt. Da gingen Mutter und Vater mit ihr zur Kosmetikerin. Die bot freie Auswahl. Hell leuchtend, normal, dunkel geheimnisvoll. Svenja gingen die Augen über. Und erst die Lippen. Sie sah in den Spiegel. Und mochte sich gleich.

Sie sieht nicht mehr die Narbe, nur die Lippen

Sie sah nicht mehr die Narbe, sondern die Lippen. Und die anderen erst. Die Eltern rieten zur Vorsicht, am Anfang. Dann langsam steigern. Der Erfolg war verblüffend. Andere schauen ihr ins Gesicht, lächeln. Kaum jemand achtet auf die Narbe. Aber auf die Lippen. Ich bin nicht mehr die Verbrannte, spürt Svenja. Ich bin die mit den schönen Lippen.

"Ich will leuchten und ich bin ein Kind Gottes"

Jetzt ist sie Anfang zwanzig und studiert. Ihr Regal für Lippenstifte ist größer geworden. Danach fragt aber niemand, wenn sie Besuch hat. Nur Svenja denkt immer daran. Ohne Lippenstift geht sie nicht aus dem Haus. Ich will leuchten, sagt sie. Weil Kinder Gottes ja leuchten. Und ich bin ein Kind Gottes, sagt sie stolz.

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