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Mauern abbauen
Bild: Pixabay / Thomas Ulrich

Mauern abbauen

Ein Beitrag von Dr. Ursel Wicke-Reuter, Evangelische Pfarrerin, Vellmar
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Im November 1962 versucht Horst Plischke von Potsdam nach West-Berlin zu fliehen. Früh morgens steigt er nördlich der Glienicker Brücke in die Havel. Er will an das gegenüberliegende West-Berliner Ufer schwimmen. Doch er kommt dort nicht an, er ertrinkt. Horst Plischke ist 23 Jahre alt, als er bei seinem Fluchtversuch ums Leben kommt.

Erinnerung an Horst Plischke-Opfer der Berliner Mauer

Heute Mittag wird an Horst Plischke erinnert. In der Kapelle der Versöhnung in Berlin feiert die Gemeinde um 12 Uhr eine Andacht zum Gedenken, so wie jeden Mittag von Dienstag bis Freitag, Woche für Woche. An all die Opfer der Berliner Mauer wird auf diese Weise erinnert. 

Der Ort des Gedenkens wurde nicht zufällig gewählt

Der Ort des Gedenkens wurde nicht zufällig gewählt: Die Kapelle steht auf dem ehemaligen Todesstreifen in Berlin. Es ist ein friedlicher Ort mit einem Garten zum Verweilen hinter der Kapelle. Vor dem Eingang wächst Roggen auf einem kleinen Feld. In der Umgebung pulsiert das Leben der Großstadt. Man könnte fast vergessen, dass hier einmal diese Mauer stand. Wie viel Leid hat sie verursacht, im Osten und im Westen. Eine Mauer aus Stein mitten durch unser Land, was für ein Glück, dass sie vor unseren Augen verschwunden ist. 

Unsichtbare Mauern setzen Abgrenzung und Trennung fort

Aber wir sind noch nicht fertig damit, die Mauer abzubauen. Unsichtbare Mauern setzen Abgrenzung und Trennung fort: Mauern aus Vorurteilen, Mauern aus Unverständnis für andere Sichtweisen und Bedürfnisse. 
Natürlich bieten Mauern Schutz, solche aus Stein genauso wie die im übertragenen Sinn. Dahinter kann ich ungestört sein, niemand kommt mir zu nah. Sie schützen vor dem, was mir bedrohlich vorkommt, was ich ablehne und nicht sehen möchte. Allerdings bin ich auch abgeschnitten. 

Hohe Mauern schränken uns ein

Manchmal ist es zwar hilfreich, sich abzugrenzen. Aber wenn die Mauern zu hoch sind, dann zahlen wir einen Preis. Wir schränken unsere Möglichkeiten ein. Wir verlieren die Freiheit, uns auf andere einzulassen. Wir bringen uns um wertvolle Erfahrungen und verpassen was.

Was Gedenken an Horst Plischke zeigt

Ich denke an Horst Plischke, der sein Leben aufs Spiel gesetzt hat, um die Mauer zwischen Ost- und Westdeutschland zu überwinden. Wie mutig er war! Aber auch wie verzweifelt. Die Enge hinter der Mauer muss für ihn unerträglich gewesen sein. Heute wird sein Leben und sein Leid vor Gott gebracht. Das Gedenken erinnert uns daran, wie kostbar ein Leben in Freiheit ist. Es lohnt sich, Mauern abzubauen.
Schlüsselwörter: Freiheit, Mauern, Leben 
 

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