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Kunst und Liturgie als Spiel
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Kunst und Liturgie als Spiel

Dr. Marco Bonacker
Ein Beitrag von Dr. Marco Bonacker, Leiter Bildung und Kultur
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Wer die seit Anfang Juni eröffnete Begleitausstellung zur documenta in der Elisabethkirche in Kassel bereits gesehen hat, wird vielleicht erstaunt sein. Der Kirchenraum ist von der Künstlerin Birthe Blauth zu einem künstlichen Paradies umgestaltet worden. Mein Blick fällt, wenn ich den Kirchenraum nach einem dunklen Transitbereich durch einen Vorhang hindurch betrete, auf einen weiten, offenen Kirchenraum; keine Bänke oder Stühle sind da, sondern nur ein satter grüner Rasen. In der Mitte eine Feuerschale mit 100.000 Perlen. Der Rasen erinnert mich an das Paradies, an einen sauber gepflegten Garten oder auch an einen Fußballplatz. Gerade die letzte Interpretation öffnet überraschende Verbindungen zur Theologie, die auch das Begleitprogramm zur Ausstellung aufgreift: An einem Abend findet ein Gespräch mit zwei Fußballtrainern statt, die von ihrer Arbeit im Jugendbereich berichten.

Fußball als Ersatzreligion?

Für viele Menschen hat gerade der Fußball selbst geradezu einen religiösen Status erreicht. Die Zugehörigkeit zu einem großen Ganzen, das Gefühl von Gemeinschaft, gemeinsame Lieder und Antwortgesänge, Reliquien in Form von Trikots und berührten Gegenständen von den Stars auf dem Feld: Die Vergleichspunkte sind zahlreich. Doch selbstverständlich hinkt auch dieser Vergleich. Das Paradies als christliche Verheißung oder auch als Hoffnung in anderen Religionen, wo findet sich das im Fußball? Ist es der Meistertitel? Ein Pokal? Vielleicht höchstens für einen kurzen Moment. Mit Nick Hornby, dem berühmten britischen Romanautor, kann ich sagen: “Der normale Zustand eines Fußballfans ist eigentlich bittere Enttäuschung, egal wie es steht." Das Paradies also wird keiner ernsthaft im Kontext des Fußballs verorten können.

Das Spiel als Verbindungselement zwischen Kunst, Religion und Sport

Die eigentliche Verbindung zwischen Fußball und Religion ist aber vor allem auf der praktischen Ebene zu suchen. Der Begriff des Spiels ist dafür der Schlüssel. Hierfür öffnet der Raum Birthe Blauths in St. Elisabeth in Kassel eine überraschende Brücke. Die gesamte Installation selbst ist im Grunde spielerisch und lädt dazu ein, spielerisch mit Kunst und Liturgie umzugehen. Alleine das Labyrinth, das die Künstlerin auf den Vorplatz der Kirche auf den Boden gezeichnet hat, steht augenfällig dafür. Aber eben auch der grüne Kunstrasen, auf dem für viele gerade jüngere Besucher vielleicht nur noch ein Ball fehlt, um diesen zu bespielen. Im Spiel werden wir wieder zum Kind, verlieren uns, vergessen Raum und Zeit. Im Spiel erfahren wir eine erste Form von Zeitlosigkeit, die damit schon auf den paradiesischen Zustand verweist, der definitionsgemäß nicht mehr Zeit, sondern Ewigkeit ist. Und gerade das Spiel ist deswegen auch ein theologischer Begriff, der insbesondere im Bereich der liturgischen Praxis etwa durch den großen Theologen Romano Guardini Eingang gefunden hat. Er betont, dass Liturgie im eigentlichen Sinne zweckfrei ist und gerade deswegen Raum der geistlichen Freiheit darstellt: "Die Liturgie hat keinen "Zweck", kann wenigstens vom Gesichtspunkt des Zweckes allein aus nicht begriffen werden. Sie ist kein Mittel, das angewandt wird, um eine bestimmte Wirkung zu erreichen, sondern — bis zu einem gewissen Grad mindestens — Selbstzweck. Sie ist nicht Durchgang zu einem außerhalb liegenden Ziel, sondern eine in sich ruhende Welt des Lebens. Das ist wichtig. Übersieht man das, dann müht man sich ab, in der Liturgie allerlei erzieherische Absichten zu finden, die wohl irgendwie hineingelegt werden mögen, aber nicht wesentlich sind."

Vielmehr so macht Guardini mit Blick auf die Liturgie klar: "In ihr wird dem Menschen Gelegenheit geboten, dass er, von der Gnade getragen, seinen eigensten Wesenssinn verwirkliche, dass er ganz so sei, wie er seiner göttlichen Bestimmung gemäß sein sollte und möchte: ein "Kind Gottes". In der Liturgie soll er vor Gott „sich seiner Jugend erfreuen." Und eben das ist die Brücke zur Kunst.

Werdet wie die Kinder …

Liturgie und Kunst und auch der Sport treffen sich so im Begriff des Spiels. Der durch Birthe Blauth gestaltete Raum öffnet diese überraschende und tiefe Perspektive selbst in spielerischer Weise. Es ist so ein Erfahrungsraum, in dem ich mich frei bewegen und atmen kann. In dem ich einfach in Stille sein darf.

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