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Die Chance auf‘s Paradies
Bildrechte: Birthe Blauth

Die Chance auf‘s Paradies

Dr. Marco Bonacker
Ein Beitrag von Dr. Marco Bonacker, Leiter Bildung und Kultur
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Waren Sie schon mal im Paradies? Nein? Dann haben Sie jetzt die einmalige Gelegenheit dazu - zumindest zu Lebzeiten. Während der aktuellen documenta gibt es eine Begleitausstellung der katholischen Kirche in St. Elisabeth direkt im Zentrum von Kassel. Die Kirche aus den 50ern ist wieder einmal Schauplatz einer spektakulären, aber zugleich stillen und beeindruckenden Kunstinstallation. "Poem of Pearls", so ist das Gesamtwerk überschrieben, erschafft ein künstliches, begehbares Paradies, das in seiner räumlichen Offenheit Körper und Seele unmittelbar anspricht. Die Künstlerin, Birthe Blauth, bedient sich dabei einer reichen theologischen und kulturhistorischen Bezugswelt.

Labyrinth – kein Irrgarten

In die Kirche gelangt man durch ein Labyrinth, das Flach auf den Vorplatz gemalt ist. Es deutet für mich die verworrenen und von Abzweigungen geprägten Wege unseres Lebens an, die aber schließlich doch unausweichlich auf einen bestimmten Endpunkt hinführen. Das Labyrinth ist eben kein Irrgarten. Die Kehren und Wendungen meines Lebens führen mich doch, wenn ich nicht aufgebe, zum verheißenen Paradies, das sich dann im Innenraum (der Kirche) durch eine Transitzone hindurch öffnet. Der große Raum wirkt ungleich harmonischer als sonst. Statt Kirchenbänke sehen die Besucher einen weiten, mit Rasen ausgestatteten Raum, dessen Grün an eben den Paradiesgarten erinnert, wie er in der biblischen Schöpfungserzählung vermittelt wird. Das Hoffnungs- und Sehnsuchtsbild des Paradieses kommt in der Kasseler Kunstinstallation in absolut reduzierter und konzentrierter Form daher. Er lässt so meinen Blick schweifen über den weiten Raum, der mich auf mich selbst zurückwirft. Nach einigen Augenblicken aber richtet sich der Blick auf eine in der Mitte des Raumes platzierte Schale, die gefüllt ist mit tausenden Perlen.

Von der Perle zum hortus conclusus

Auch die Perle steht mit ihrer Symbolik in der christlichen Bildwelt für eine Fülle an Bezugspunkten: Sie ist ein wertvoller Schatz, verkörpert aber auch die Keuschheit, die Reinheit und Jungfräulichkeit: Sie ist in der christlichen Ikonografie ein Symbol Mariens. Maria? Sie ist auch der Schlüssel für eine weitere Interpretation des Raumes, in dem ich staunend zurückbleibe. Im Hohelied des Alten Testaments heißt es: "Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born." Der verschlossene Garten, der hortus conclusus, wird wiederum mit der Gottesmutter assoziiert. Das Paradies als hortus conclusus aber steht mir nun offen und Maria war und ist der Schlüssel dafür. Eine überraschende Erkenntnis in einem Raum moderner Kunst während der documenta in Kassel. 

In Birthe Blauths Installation trete ich ein in eine unmittelbare Erfahrbarkeit von Raum und zugänglicher Symbolik, die schon ganz voraussetzungslos begeistern kann und Menschen aller Herkünfte, Weltanschauungen und Generationen anspricht.

Zwischen Unmittelbarkeit und christlicher Symbolik

Wer aber tiefer eintauchen will, wird erkennen, welcher Reichtum und welche begeisternde Verbindung zur Ideengeschichte, Symbolik und zum christlichen Glauben in dieser Installation stecken. Die Spannung zwischen Unmittelbarkeit und Hintergründigkeit muss nicht aufgelöst werden. Trotzdem kommt mir der alte Goethe in den Sinn, der sagte: "Man sieht nur, was man weiß." In kognitiver Hinsicht stimmt das sicher. Aber die Installation wäre nicht paradiesisch, wäre nicht eben jener spontane und spielerische Aspekt der Unmittelbarkeit der eigentliche Zugang zu diesem Werk. Im eigentlichen Paradies müssen wir nicht mehr angestrengt denken, konstruieren und theologisieren. Im Paradies dürfen wir Gott genießen und einfach sein. Eine Idee davon können Sie gerade in Kassel erleben. Probieren Sie es mal aus! 

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