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Bleibt hier und wacht mit mir
Bild: medio.tv/Schauderna

Bleibt hier und wacht mit mir

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von Andrea Wöllenstein, Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg
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Gründonnerstag. Heute erinnern wir in der Kirche an den letzten Abend, den Jesus mit seinen Jüngerinnen und Jüngern verbracht hat. An die Nacht, bevor er gefangen und gekreuzigt wurde. Eben haben sie miteinander gegessen. Brot und Wein geteilt. Jetzt sind sie draußen in einem Garten. Ein paar Schritte gehen. Frische Luft atmen, das tut gut. Jesus ahnt, was ihm bevorsteht. In der Bibel heißt es: "Er fing an zu zittern und zu zagen".

Der letzte Abend: Jesus braucht seine Freunde und Zeit für sich

Er braucht seine Freunde, gerade jetzt. Aber er braucht auch Zeit für sich. "Bleibt hier," sagt er. "Bleibt hier und wacht mit mir. Wacht und betet." Dann geht er ein Stück weiter in den Garten und betet allein. Als er zurückkommt, sind seine Freunde eingeschlafen. Er fragt: "Könnt ihr nicht eine Stunde mit mir wachen und beten?"

Diese Frage trifft mich jedes Mal. Ich kann mich so gut in die Jünger hineinversetzen. Fühle ihre Scham und Bestürzung. Ich kenne das von mir selber. Wie oft nehme ich mir etwas vor! Was will ich nicht alles tun! Mich kümmern, mich engagieren. Aber dann kommt was dazwischen, oder ich war einfach zu müde.

Jetzt, wo sich so viel verändert, ist es wichtig, dass wir wach bleiben

"Bleibt hier und wacht mit mir." In den letzten Wochen sind viele wach geworden. Die Nachrichten haben uns wachgerüttelt. Die Bilder von zerbombten Städten, von verzweifelten Politikern, von weinenden Müttern. Sie haben unser Mitgefühl geweckt und unsere Hilfsbereitschaft.

Jetzt, wo sich so viel verändert, ist es wichtig, dass wir wach bleiben. Dass wir merken, was vor sich geht.

Wut über das zweierlei der Regierung im Umgang mit Geflüchteten

Vor mir liegt der Brief einer Kollegin. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit Geflüchteten. Sie schreibt: „Ich bin im Moment voller Wut über das zweierlei Maß der Regierung. Seit sechs Monaten kriegt Deutschland es nicht gebacken, besonders gefährdete Menschen aus Afghanistan herauszuholen. Verspricht aber binnen vier Tagen allen fliehenden Menschen aus der Ukraine drei Jahre Aufenthaltsrecht. Wie soll ich das bitte geflüchteten Menschen erklären, die zum Teil seit acht Jahren darauf warten, mehr als eine Duldung zu bekommen? Und wem hat die EU noch im dicksten Winter an der polnischen Grenze einen Zaun vor die Nase gebaut, und es war egal, ob sie dort erfrieren? Auf einmal sind100 Milliarden Euro da für die Aufrüstung. Auf einmal ist wieder von Helden und Ruhm und Ehre die Rede.

Solidarisch sein und Wachbleiben für alle, die Hilfe brauchen

"Was geschieht da gerade? Ich will mit allen solidarisch sein, die auf unserer schönen Erde leiden".

Ihre Fragen haben mich wachgerüttelt. Sie hat recht. Aber können wir das? Immer mit allen solidarisch sein? Es ist menschlich, dass wir betroffen sind von dem, was uns am nächsten ist. Und auch, dass wir immer wieder einschlafen, wie die Jünger.

"Bleibt hier, wacht mit mir: Wachet und betet" bittet Jesus. Ich möchte wach bleiben auch für die anderen, die keine aktuellen Schlagzeilen füllen. Dass auch sie Hilfe erfahren und Solidarität. Dafür will ich beten und mich engagieren, wo mir das möglich ist.

 

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