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Freude im Leiden
Bild: Pixabay/neelam279

Freude im Leiden

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von Andrea Wöllenstein, Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg
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Meine Freundin ist am Packen. Eine Kiste nach der anderen füllt sich. Bald kommt der Möbelwagen. Die neue Wohnung fast fertig. Gerade wurde die Küche eingebaut. Auf die freut sie sich besonders. Jedes Teil ist genau eingepasst. Tiefe Schubladen zum Ausziehen, der Backofen auf Augenhöhe. Alles praktisch und gut überlegt. Immer wieder hat sie davon erzählt. Doch als ich sie jetzt treffe, wirkt sie nicht mehr fröhlich. Im Gegenteil.

Mein Glück und das Unglück der anderen - wie geht das zusammen?

Sie sagt: "Ich steh hier und pack meine tausend Sachen ein. Ich stöhne, weil ich so viel Zeug habe. Und dann sehe ich, wie die Menschen in der Ukraine mit nur einem Koffer auf dem Bahnhof stehen und warten, dass sie einen Platz im Zug bekommen…Wenn ich daran denke, kann ich mich gar nicht mehr auf die neue Wohnung freuen. Fast habe ich ein schlechtes Gewissen, dass es mir so gut geht …"
Was soll ich ihr sagen? Mein Glück und das Unglück der anderen - wie geht das zusammen? Darf ich, kann ich mich freuen, wenn andere leiden? Wenn mir ihr Leiden so zu Herzen geht?

Nicht nur Freud und Leid, sondern Freude im Leiden

Mir fällt ein Kirchenlied ein. "In dir ist Freude in allem Leide". Was nach unserer Erfahrung nicht miteinander vereinbar ist, das ist hier zusammen. Nicht nur Freud und Leid, sondern: Freude im Leiden. In Gott ist beides: Freude und Leid. In aller Spannung, die wir manchmal kaum aushalten können. Nebeneinander. Miteinander. In Gott ist es aufgehoben. Freude und Leid. Bin ich aufgehoben und auch die anderen, deren Not mich bedrückt.

Was unsere Welt braucht

Es geht den Menschen in der Ukraine nicht besser, wenn ich mir die Freude versage. Im Gegenteil. Wenn ich mir das versage, was mir Freude macht, schneide ich mich ab von meiner Kraft und von der Quelle, aus der ich Kraft schöpfe. Unsere Welt braucht Freude. Braucht Hoffnung. Licht und Liebe. Gerade jetzt, wo so viel neues Leid in die Welt gekommen ist. Und sie braucht Menschen, die diese Freude empfinden und weitergeben.
Mir macht es Freude, raus zu gehen. Raus aus dem Haus und raus aus den Gedanken. Das Wunder erleben, wie nach dem Winter wieder der Frühling kommt! Am Morgen die Vögel hören… Staunen über das zarte Grün. Meine Balkonkästen bepflanzen.

Woraus ich Freude schöpfe in allem Leid

Und singen. Allein und mit anderen. Beim Singen merke ich, wie sich die Anspannung löst. Wie ich zuversichtlicher werde und froh. Neulich haben Marburger Chöre aufgerufen zum Singen für den Frieden und zum Spenden für die Ukrainehilfe. 500 sind gekommen und haben gemeinsam vor der Stadthalle gesungen. Dona nobis pacem. Sag mir, wo die Blumen sind. Imagine. Das war dicht und bewegend. Nicht allein sein, sondern verbunden mit anderen. Im Singen, in der Sehnsucht nach Frieden. In der Freude im Leiden.

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