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Zeugnistag
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Zeugnistag

Ein Beitrag von Sabine Müller-Langsdorf, Evangelische Pfarrerin, Zentrum Oekumene, Frankfurt
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In diesen Tagen sind in vielen Schulen Notenkonferenzen. Schülerinnen und Schüler bekommen für ihre Leistungen und ihr Verhalten Noten oder Punkte. Von sehr gut bis ungenügend. Manchmal werden auch in erzählender Form Zeugnisse formuliert. Sie beschreiben dann Kompetenzen und Potentiale.

Der Schöpfungsbericht - eine Art Zeugnis

Eine solche Art Zeugnis in erzählender Form ist das erste Kapitel der Bibel. Da wird die Welt in ihrer Beschaffenheit als kreative Leistung Gottes beschrieben. Sieben Fächer gibt es im Schöpfungszeugnis. Sie bekommen unterschiedliche Noten: Viermal gibt es ein „gut“: bei der Trennung von Licht und Finsternis, bei der Schaffung von Land und Pflanzen, bei den Gestirnen und den Landtieren. Zweimal enthält sich das Schöpfungszeugnis einer Bewertung: bei der Erschaffung des Himmels und – man höre und staune – bei der Erschaffung der Menschen.

Die Note EIns wird nur einmal vergeben

Die Note Eins bekommt ausschließlich das Gesamtsystem Universum. Nur alles zusammen ist sehr gut. In der Bibel steht: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut!“ Alles gehört also zusammen. Und nur wenn alles geschützt wird, ist das Leben auf der Erde geschützt. In Corona-Zeiten merken wir, wie wesentlich diese einfache Erkenntnis ist. Was nützt ein Impfstoff, wenn ihn nur ein Teil der Menschheit bekommt?

Segenssternchen und Bemerkungen

Wie in Zeugnissen üblich gibt es auch im Schöpfungszeugnis Bemerkungen. Da ist zum Beispiel das Segenssternchen für Tiere und Menschen: „Seid fruchtbar und mehrt euch...“ - ok.  Da steht auch die Bemerkung: Der Mensch soll über die Tiere und die Erde herrschen. Das war historisch gesehen eine geradezu giftige Formulierung.  Mit ihr hat ein religiöser Text dazu beigetragen, dass der Mensch sich als Krone der Schöpfung versteht. Wir erleben heute das Leiden der Schöpfung unter den Menschen. Wir plündern ihre Ressourcen, beuten Tiere und Pflanzen aus. Die Stärkeren leben auf Kosten der Schwächeren.  

Vegane Lebensweise im Schöpfungszeugnis!

Im Schöpfungszeugnis der Bibel steht aber auch eine Bemerkung, die selten wahrgenommen wird. Gott sagt zu den Menschen: „Als Nahrung gebe ich euch alle Pflanzen der Erde, alle Bäume mit Früchten. Die grünen Pflanzen sollen Futter für die Tiere sein.“ Vegane Lebensweise im Schöpfungszeugnis! Ein weitsichtiger Hinweis mit viel Potential nach oben.

Der siebte Tag mit Segenssternchen und dem Prädikat „heilig“

Und dann, ja dann gibt es in diesem seltsam schönen Schöpfungszeugnis der Bibel noch den siebten Tag. An ihm ruht Gott sich aus von seinem Tun. Eine Note bekommt der Tag nicht, aber das Segenssternchen und das Prädikat „heilig“. Will sagen: Die ganze Schöpfung ist eine riesige kreative Leistung. Sie hält an und verbraucht Energie. Die will erneuert werden. Das braucht Zeit und Ruhe. „Heilig“ ist die Zeit der Regeneration. Was für ein Schöpfungszeugnis hat die Bibel da vorgelegt! An alles ist gedacht.

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