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Mein erstes Date am Morgen: Mit mir selbst, vor dem Spiegel
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Mein erstes Date am Morgen: Mit mir selbst, vor dem Spiegel

Michael Friedrich
Ein Beitrag von

Michael Friedrich,

Diakon in der Pfarrei St. Peter und Paul, Hosenfeld
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Vielleicht haben Sie die erste Begegnung des Tages schon hinter sich. Ich meine die mit sich selbst vor dem Spiegel im Bad. Dem ehemaligen Aachener Bischof Klaus Hemmerle wird folgender Ausspruch zugeschrieben: Eine der ersten Begegnungen, die uns der Tag beschert, ist immer diejenige mit uns selbst, meistens vor dem Spiegel. Dann sind wir nicht in der Hochform des Tages. Es gibt bei Wilhelm Busch eine Bildergeschichte, die beginnt mit dem Vers: "Mit frischem Mute aus dem Bett – schwingt sich der Turner Hoppenstedt."

Aber ich kenne mich auch anders. Der Blick in den Spiegel zeigt es mir deutlich: Es ist das Gesicht, für das ich etwas tun muss, soweit die Morgenweisheit von Bischof Hemmerle. Es drängt sich die Frage auf: Was ist an dem da schon liebenswert? Die Frage nach dem eigenen Wert stellt sich. Die Psychologie spricht von Selbstwert oder Selbstkonzept und die Theologie von Selbstannahme oder Selbstliebe. Auch Christen haben nicht automatisch ein positives Selbstbild. Eine Antwort gibt Jesus selbst. In der Bibel, genauer im Matthäusevangelium (Mt. 22,37-39) steht, was Jesus antwortet: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." Jesus antwortet also nicht auf der Ebene von Riten oder Dogmen, sondern spricht über die Beziehung zu Gott, zu den Mitmenschen und zu sich selbst. Jesus setzt die Selbstliebe voraus, um gut mit Beziehungen umzugehen. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" – das heißt, ich muss mich zuerst selbst lieben lernen. Keineswegs meint er damit aber Egoismus. Ich schließe daraus: Wenn ich um meine eigene Stärke weiß, dann muss ich mich nicht ständig beweisen. Wenn ich meinen eigenen Wert kenne und mich so annehmen kann wie ich bin, dann kann ich auch gut mit anderen Menschen umgehen.

Schon auf der ersten Seite der Bibel ist der Wert des Menschen ganz tief verankert. Im 1. Buch Mose (1.Mose 1,27) lese ich: "Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn." Theologisch gesprochen: Bei der Ebenbildlichkeit Gottes geht es darum, dass Gott den Menschen als ein Gegenüber schafft. Er schafft mich als ein personales Wesen, mit dem er in Beziehung tritt. So angenommen, so geliebt, ist mein zerknirschtes Gesicht, sind die Falten der Haut und die grauen Haare auf einmal unbedeutend. Es ist schön zu wissen: Gott liebt mich nicht nur dann, wenn ich in Hochform bin, wenn ich mit mir selbst zufrieden bin. Er nimmt mich, er liebt jeden so, wie er ist. Genauso wie ich bin nimmt er mich an. Und so spreche ich für mich ein kleines Gebet, etwa:"Dieser Mensch, den ich da im Spiegel sehe, ist ein von Gott geliebter und bejahter Mensch!" Der ehemalige Aachener Bischof Klaus Hemmerle gibt noch einen Tipp: "Diesen Gedanken, dass Gott mich liebt, soll ich morgens vor dem Spiegel so lange aushalten, bis ich ihm zustimme, bis ich dieses Gesicht im Spiegel annehme, ihm vielleicht ein bisschen Mut zuspreche und gar zulächle."

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