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Gnade - ein schweres Wort
Bild: pexels-lisa

Gnade - ein schweres Wort

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Auf was für Gedanken man so kommt ... Im Herbst saß ich mal in einem Straßencafé. Es war gut warm an dem Tag. Viele Tische waren frei, während ich frühstückte. Es ging mir gut. Während ich Wetter und Essen genossen habe, ging ein älterer Mann durch die Reihen der Tische. Als er mir den Rücken zudrehte, konnte ich etwas genauer hinsehen.

Heute kann er sich den Cafebesuch nicht mehr leisten

Seine Kleidung war nicht die frischeste, die Frisur auch nicht. Plötzlich fiel mir ein, was er hier machen könnte. Er besucht einen Ort, den er von früher kennt, dachte ich. Aber früher war eben früher. Heute konnte er es sich wohl nicht mehr leisten, sich zu setzen und etwas zu bestellen. Er war jetzt schon weiter weg, hatte den Platz verlassen und ließ mich mit meinen Gedanken allein.

Ich kann hier sitzen, er nicht

Du kannst hier sitzen, dachte ich. Und er nicht. Vielleicht konnte er das ja mal, wer weiß. Heute wohl nicht mehr. Aber warum ich? Und dann kam mir das Wort in den Kopf, das immer wieder mal da herumspaziert, das Wort Gnade. Was hat es auf sich mit der Gnade? Ich kann hier in Ruhe frühstücken, anderen fehlt dafür das Geld. Viele sind heute Morgen krank oder traurig, ich nicht. Geht das denn mit rechten Dingen zu - mit rechten Dingen in Sachen Gnade?

Die Gnade ist ungerecht verteilt

Wenn ich das wüsste. Tatsache ist, dass die Gnade ungerecht verteilt ist, jedenfalls für mein Empfinden. Vieles kann ich nicht lösen. Ich kann abgeben, natürlich. Tu‘ ich auch gerne. Aber damit ist nie allen Armen geholfen. Vielleicht ein wenig meinem Gewissen. Die Welt ändere ich damit kaum, leider. Das waren so meine Gedanken, während sich das Café mit immer mehr Menschen füllte. Auch die können es sich leisten, dachte ich. Die haben ähnliche Gnade wie ich. Und andere nicht. Ich kam irgendwie nicht recht weiter mit meinen Gedanken.

Ich kann vieles nicht ändern, aber für Unverdientes dankbar sein

Nur mit einem noch. Dann sei doch wenigstens dankbar, sagte ich mir, dankbar für das, was Du hast. Sei dankbar für die Gnade, die Du erfährst. Der Gedanke hat mich etwas beruhigt. Ich kann vieles nicht ändern. Ich kann aber dankbar sein für das, was Gott mir gibt. Verdient habe ich das ja nicht, womit auch? Und das Unverdiente erwartet vielleicht einfach nur meinen Dank.

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