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Leben ist gesehen werden
Bild: Pete Linforth/Pixabay

Leben ist gesehen werden

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer i. R., Kassel
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Einmal in der Woche geht der Mann in die Kirche. Immer an einem Wochentag. Immer alleine. Er hat Zeit. Für den Spaziergang in die Kirche und zum Sitzen in der Bank. Der Pfarrerin ist er schon aufgefallen. Gesagt hat sie noch nichts. Sie wollte nicht stören. Bis neulich, als sie sich am Ausgang getroffen haben. Vom Sehen kennen sie sich.

"Ich schaue nur auf den Mann am Kreuz. Und der schaut mich an."

Da fasst sich die Pfarrerin ein Herz und fragt den Mann: "Kann ich etwas helfen?" "Nein danke", sagt der Mann, "ich komme nur einfach gerne hierher." Die Pfarrerin fragt noch einmal: "Haben Sie Sorgen?" "Nein", sagt der Mann und lächelt, "ich schaue nur auf den Mann am Kreuz. Und der schaut mich an." Die Pfarrerin schaut ihm hinterher, als der Mann die Kirche verlässt. 

Wo ein Kreuz ist, da ist auch Gott.

Auch dafür kann man in eine Kirche gehen. Um zu sehen und gesehen zu werden. Früher dachte man oft, dass Gott in einer Kirche wohnt. Das stimmt auch, jedenfalls ein bisschen. Wo ein Kreuz ist, da ist auch Gott. Vielleicht ahnt das der Mann, der Gott anschaut und hofft, dass Gott ihn anschaut. Leben ist Gesehen werden. Von Menschen und von Gott. Ich weiß mich lebendig, weil andere mich wahrnehmen und auf mich achten. Ich bin kein bloßer Zufall, der vom Wind hin und her geweht wird. Ich bin ein Mensch, der gesehen wird, beachtet wird. Und ein Mensch, der andere sieht und auf sie achtet.

Leben ist gesehen werden. Von Menschen und von Gott

Leben ist gesehen werden. Von Menschen und von Gott. Ich habe das mal gemacht, vor ein paar Tagen. Ich habe mich in eine Kirche in meiner Stadt gesetzt, den Mann am Kreuz angesehen und gehofft, er möge auch mich anschauen. Gar nicht lange, zwanzig Minuten vielleicht. Wunderbar war das. Sich gesehen fühlen. Von Gott angesehen fühlen. Es ist, als werde man wertvoller.

"Du bist wer; du bist wichtig", sagt Gott mir zu

Ich sitze da und denke: ER schaut mich an. Es klingt vielleicht seltsam, aber in den paar Minuten war mir, als wolle er mir sagen: Du bist wer; du bist wichtig. Ein schönes Gefühl. Nicht irgendwer zu sein, sondern Ich sein zu dürfen; zu sitzen und zu fühlen: Ich darf jetzt nur Ich sein; muss nichts beweisen und nichts aus mir machen. Bestimmt gehe ich bald wieder in eine Kirche. Ich schaue ihn an; und er schaut mich an.

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