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Zwischen Weihnachten und Krisen
Bild: Steven Kasa / Pixabay

Zwischen Weihnachten und Krisen

Carsten Noll
Ein Beitrag von Carsten Noll, Katholischer Pfarrer und Administrator in der Pfarrei St. Michael, Hilders-Eckweisbach
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"Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" (Mt 11,3)

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer an diesem dritten Adventssonntag!

Ich freue mich, mit Ihnen gemeinsam in dieser Morgenfeier gedanklich einen bewussten Schritt auf Weihnachten zuzugehen. Erlauben Sie mir dazu bitte, dass ich sie mit zurück zu dem Zeitpunkt nehme, als ich mir zum ersten Mal konkret Gedanken darüber gemacht habe, was ich heute Morgen mit Ihnen teilen möchte. Es war am Mittwochabend der ersten Adventswoche.

Zunächst nehme ich meine Bibel zur Hand, um das Evangelium zu lesen, dass heute in allen katholischen Gottesdiensten verkündet wird. Mir ist das wichtig, weil ich den Gedanken so großartig finde, dass wirklich alle Menschen, die an diesem dritten Advent irgendwo auf der Erde einen katholischen Gottesdienst mitfeiern, das gleiche Evangelium hören. In unzähligen Sprachen die gleiche Botschaft. Das lässt mich jeden Sonntag neu Ehrfurcht vor diesem Wort der Heiligen Schrift haben. Die gleiche Verkündigung für Millionen von Menschen auf allen Kontinenten dieser Erde. So unterschiedlich aber die Menschen im Einzelnen sind, so unterschiedlich auch die Situationen, in denen sie leben und in denen sie jetzt dieses Evangelium hören werden. Die Spanne reicht von Menschen, die sich nicht viele Sorgen machen müssen, die in Freiheit und frohen Herzens auf das Weihnachtsfest zugehen können, bis hin zu denen, die in absoluten Grenzsituationen leben: in Krankheit, Armut, Hunger oder sogar im Krieg oder in Gefangenschaft. Für alle die gleiche Botschaft und jeder wird sie mit seinen ganz eigenen Ohren hören.

Johannes der Täufer

In diesem Evangelium begegnet uns Johannes der Täufer. Und an jenem Mittwochabend in der ersten Adventswoche, als ich es zum ersten Mal lese, frage ich mich: Wie mag dieser Johannes der Täufer in die Adventszeit der Menschen passen, die sich auf Weihnachten vorbereiten. Unsere deutsche Weihnacht beispielsweise ist traditionell geprägt von Behaglichkeit, Lichterglanz, Geschenken und Plätzchenduft. Der Nikolaus und vielleicht auch Engel haben ihren festen Platz in dieser Zeit und gehören dazu. Ich weiß nicht, wie vertraut ihnen die Gestalt von Johannes dem Täufer ist, von dem immer in den Gottesdiensten am 2. und 3. Advent die Rede ist. Die Bibel sieht ihn als Wegbereiter Jesu vor dessen öffentlichem Auftreten, als er damals etwa 30 Jahre alt ist. Johannes erkennt Jesus als den Messias und tauft ihn im Jordan. Er glaubt an Gottes Wirken in dieser Welt und in die Geschichte der Menschen hinein. Vielleicht ist Johannes auch für uns ein guter Wegweiser um Jesus, dessen Geburtstag wir an Weihnachten feiern, auch wieder neu in unserem Alltagsleben auftreten zu lassen.

Musik: Robert Jones - Wann, Herr, wirst du geboren?

Jesus selbst nennt Johannes den Täufer einen von Gott vorbestimmten Boten, gesandt, dem Messias den Weg in diese Welt zu bahnen. Es gebe keinen größeren Menschen als ihn. Doch irgendwie will dieser Johannes nicht so recht in unsere heimelige Vorweihnachtszeit passen. Im Evangelium wird er geschildert als Asket, bekleidet mit einem Gewand aus Kamelhaaren. Er ernährte sich von Heuschrecken und wildem Honig. Seine Predigt, die wohl viele Menschen in ihren Bann gezogen hatte, handelte hauptsächlich vom Zorngericht Gottes. Johannes ermahnt seine Zeitgenossen zur Bekehrung und dazu, Früchte hervorzubringen, die ihre Umkehr zeigen sollten. Er droht wörtlich, dass schon die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt ist und dass jeder Baum, der keine guten Früchte hervorbringe, ins Feuer geworfen wird.

Ein sperriger Typ

Ich frage mich, wie kann ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, Johannes den Täufer als willkommenen Wegbegleiter auf Weihnachten hin schmackhaft machen. Irgendwie gehört er dazu und doch stört er immer wieder neu. Auch wenn wir in dieser Zeit äußerst sensibel sind für Nöte und Ungerechtigkeiten in dieser Welt, so haben wir doch Sehnsucht nach einer heilen Welt und versuchen sie uns nach Kräften in diesen Tagen zu produzieren und zu gestalten. Als Christen wollen wir uns einfach darüber freuen, dass Gott Mensch geworden ist, um uns seine Liebe zu zeigen.

Johannes der Täufer schreckt im Zuge seiner Gerichtspredigt auch nicht davor zurück, dem König Herodes ins Gewissen zu reden und ihn des Ehebruchs zu bezichtigen. Das führte schließlich dazu, dass der König Johannes verhaften und ins Gefängnis werfen lässt. Das erinnert durchaus daran, wie die Führer von Unrechtsregimen unserer Tage mit ihren Kritikern umgehen. Damit sind wir mitten im Evangelium dieses Sonntags. Wohl im Gefängnis bekommt Johannes dennoch mit, wie damals Jesus unter den Menschen wirkt. Das hat wenig mit dem gemein, was Johannes bis dahin gepredigt hat. Zwar ruft auch Jesus zur Umkehr auf, aber er wendet sich den Sündern zu und spricht mehr von Gottes Barmherzigkeit als von seinem Zorngericht. Johannes kommen Zweifel. Hat er auf das falsche Pferd gesetzt? Das Bild, das Jesus von Gott malt, ist so ganz anders als sein Bild von Gott. Und so schickt Johannes seine Schüler zu Jesus mit der Frage: "Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?"

Musik: Christopher Tamling – Tochter Zion, freue dich

"Bist du es, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" - Die Antwort Jesu auf die Frage ist kein klares "Ja" oder "Nein". Er sagt: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht:"Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet. Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt." (Mt 11,5-6) Jesus rühmt sich mit dieser Aussage nicht einfach seiner Großtaten, sondern er benennt die Zeichen, die nach dem alttestamentlichen Propheten Jesaja die angekündigte Heilszeit des Messias begleiten würden (vgl. Jes 35,5-6). Vielleicht ist damals so Johannes in seinem Gefängnis ein Licht aufgegangen und Trost geschenkt worden. Vielleicht war der Kerker des Johannes auch im übertragenen Sinn das Gefängnis seiner eigenen Gedanken und Sichtweisen.

Weihnachten – anders als sonst

In diesem Moment, an jenem Mittwoch der ersten Adventswoche, als ich mir zum ersten Mal Gedanken über diese Morgenfeier mache, wird mir bewusst, dass dieses Weihnachten sich so ganz anders anfühlt als in den vergangenen Jahren. Gewiss, Weihnachten unter Corona-Bedingungen hatte auch sein ganz eigenes Gepräge. Doch in diesem Jahr angesichts des Kriegs und des Leids in der Ukraine wünscht man sich einen Gott oder einen Messias, der den Ton Johannes des Täufers anschlägt, der den Verantwortlichen mit wirklicher Autorität wirkungsvoll ins Gewissen zu reden vermag oder besser noch, der die Macht hat, alle Gewalttätigen einfach wegzufegen. - Oder was wünschen Sie sich beim momentanen Weltgeschehen für einen Gott? Oder was erbitten sie von Gott zu Weihnachten?

Lehrstunde

Oder kommen sie da angesichts der Situation in dieser Welt und auch in der Kirche mit allen Nöten und Zwielichtigkeiten wie Johannes der Täufer ins Zweifeln? - "Bist du der, der da kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" An jenem Mittwochabend fühle ich mich mit meinen Gedanken an diese Morgenfeier nun endgültig wie in einer Sackgasse gefangen. Doch dann ertönt ein Signalton meines Handys. Ich schaue nach: Eine Sprachnachricht. Geschickt vom Vater eines fünfjährigen Jungen im Kindergarten unserer Pfarrgemeinde. Der Vater will mir von einem Erlebnis mit seinem Sohn Julius erzählen. Julius hat ihn gefragt, wo man Gott sehen kann. Er hat ihm gesagt, so der Vater, dass man an Gott glauben muss und er versucht, ihm zu erklären, wie sich das verhält mit Gott, Jesus und der Muttergottes. Julius hat keine Ruhe gegeben und gefragt, wo er Gott begegnen kann. Daraufhin ist er mit ihm in die Kirche gegangen, um ihm den Ort zu zeigen, wo man Gott am ehesten begegnen kann. Julius hat sich zunächst damit zufriedengegeben, erzählt der Vater weiter. Doch am Abend beim Zubettgehen hat Julius das Thema noch einmal aufgegriffen und gesagt: "Weißt du Papa, Gott kann man gar nicht einfach so sehen. Gott hat man im Herzen und wenn man ihn da hat, dann sieht man ihn immer." Julius Papa ist von den Gedanken seines Sohnes so begeistert, dass er es mir weitergegeben hat. Auch ich bin begeistert, obwohl ich schon öfters erfahren habe, dass unsere Kinder die besten Theologen sind.

Wenn Gott im Herzen ist

Julius Erklärung geht mir an jenem Abend nach: Wenn Gott im Herzen ist, dann sehe ich ihn immer! Dann ist es egal, in welcher Situation ich gerade bin. Ich kann Gottes Gegenwart entdecken in den freudigen Momenten und ich darf erfahren, dass ER da ist, wenn das Leben gerade in den unterschiedlichen Grenzsituationen eine einzige Überforderung darstellt. Ich nehme noch einmal die Bibel zur Hand und lese das Evangelium über die Stelle, die wir heute im Gottesdienst hören, hinaus und stoße auf das anschließende Gebet Jesu, nachdem er zu den Menschen über Johannes den Täufer gesprochen hat. Er betet: "Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen." (Mt 11, 25)

Musik: Robert Jones – Lift Up Your Heads

Ich erinnere mich daran, dass Jesus an anderer Stelle im Evangelium sagt: "Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen. Wer sich so klein macht wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte." (Mt 18,3-4)

Und dann denke ich zurück an meine eigene Kindheit. Ich war fasziniert von Filmen über das Leben Jesu. Den stärksten Eindruck hat bei mir wohl der Film "König der Könige" hinterlassen. Manch einer würde ihn heute als Monumentalschinken der 60er-Jahre abtun. Doch ich war damals fasziniert. Und mir wird gerade bewusst, dass es ausgerechnet die Szene ist, um die es im heutigen Evangelium geht, die mir ganz besonders in Erinnerung ist. - Komisch, sonst habe ich keine konkreten Bilder des Films mehr in meinem Gedächtnis, nur hiervon.

Johannes im Kerker

Ich sehe Johannes den Täufer vor mir in einem großen dunklen Kerker sitzen mit schweren Eisenketten festgemacht. Hinter ihm geht eine steile steinerne Ebene nach oben, wo ein kleines vergittertes Fenster zu sehen ist. Im Film ist sozusagen aus dem Off die Stimme Jesu zu hören, der die Frage des Täufers wiederholt: "Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?" Und dazu gibt er die Antwort aus dem Buch Jesaja, dass Blinde wieder sehen, Lahme gehen, Taube gesund werden, Tote auferstehen und dass den Armen das Evangelium verkündet wird.

Doch dann entwickelt der Film seine eigene Fantasie, die so nicht im Evangelium steht: Jesus will Johannes in seinem Gefängnis besuchen. Er spricht bei einem römischen Hauptmann vor und sagt, er wolle Johannes die Freiheit bringen. Der Soldat lacht und fragt, wie er sich das vorstellt, angesichts der Sicherungsmaßnahmen. Und Jesus antwortete ihm: "Ich bin gekommen, um ihm Freiheit in seinem Kerker zu schenken." Das versteht der Hauptmann nicht und stellt nur die Gegenfrage: "Freiheit zwischen den Steinmauern?" - Doch dann eine sehr bewegende Szene, wegen der sich mir das Ganze wohl tief ins Bewusstsein eingeschrieben hat: Jesus erscheint an jenem kleinen Gitterfenster im Kerker Johannes des Täufers. Dieser robbt mit seinen schweren Eisenketten die steinerne Ebene bis hoch zu jenem Fenster und mit letzter Kraft erreicht er die ausgestreckten Finger Jesu mit seiner Hand. Und in jenem Moment wird dem Zuschauer und mir damals als Kind auch klar, dass Jesus den Menschen Gottes Nähe im dunkelsten Kerker und auch im Herzen schenken kann. Als Theologe würde ich heute sagen, Jesus kann mir aus dem Gefängnis mancher trüber Gedanken aus Traurigkeit und eingefahrenen Meinungen heraushelfen. Auch wenn dies eine Gesamtsituation nicht unbedingt ändert, so kann ich durch Gottes Gegenwart doch anders mit den Dingen umgehen.

Haltet geduldig aus

Für mich offenbart sich an jenem Mittwochabend der ersten Adventswoche Gott durch den Fünfjährigen Julius. Ich darf Gott im Herzen haben und ihn dann immer sehen, in jedem Augenblick meines Alltags.
Freudig gestimmt für diesen dritten Adventssonntag schaue ich noch einmal nach, welche biblischen Texte neben dem Evangelium uns noch auf den Weg gegeben werden. Ich stoße auf einen Vers in der zweiten Lesung aus dem Jakobusbrief (Jak 5,7-10), wo es heißt: "Haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! ... macht eure Herzen stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor."
Es braucht Geduld, bis die Dinge sich ändern, die ich heute als dunkel und bedrückend erfahre. Bisweilen sind es die eigenen Gedanken und Stimmungen.

Dann stoße ich noch auf einen Satz, der für mich in diesem Moment wie ein Licht in der Dunkelheit wirkt: "Denn das Leben hat sich eingeschlichen durch die Gefängnisgitter des Todes. Es ist kein trostloses Warten mehr."1 Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen allen immer wieder und mir selbst auch. Einen gesegneten dritten Advent!

Musik: Christopher Tamling – Jubelt, jauchzt und singt

Musikauswahl: Regionalkantor Armin Press, Kassel

1Joachim Koffler, Wovon das Herz voll ist, Verlag Herder, Freiburg i. Br. 2014, S. 24

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