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Ein neuer Geist
Bild: medio.tv/Aumann

Ein neuer Geist

Andrea Wöllenstein
Ein Beitrag von Andrea Wöllenstein, Pfarrerin im Referat Erwachsenenbildung der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Marburg
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An Pfingsten haben wir frei. Es gibt sogar noch einen Tag extra. Sonntag und Montag.
An Pfingsten sind wir frei – wir können feiern, wie wir wollen. Wir müssen keine Geschenke einpacken wie an Weihnachten oder Ostereier färben. Es gibt keine festen Regeln. Keine Rituale und Konventionen. Das Fest braucht auch keinen Vorlauf. Keine 4 Wochen Advent und keine 40 Tage Fastenzeit. Pfingsten ist so frei - und kommt einfach. Es ist das Fest des Geistes. Und der weht, wo er will. Luftig und leicht.

 Pfingsten lockt viele ins Freie

Viele lockt es ins Freie. Ein verlängertes Wochenende. Draußen sein bis in den Abend. Ferienstimmung. Die Sorgen und schweren Gedanken ein wenig zur Seite schieben. Den Blick weit werden lassen. Nicht nur Bilder sehen vom Krieg und die steigenden Zahlen auf Rechnungen, beim Einkaufen, an der Tanksäule. Sondern rausgehen aus dem Alltäglichen. Die Natur genießen. Verreisen. Freunde einladen. Mit der Familie einen Ausflug machen ins Grüne. Frischen Wind spüren. Auf andere Gedanken kommen.

Ferienstimmung beim ersten Pfingstfest

Auch beim ersten Pfingstfest, damals in Jerusalem war so etwas wie Ferienstimmung. Aus allen Richtungen sind die Pilger und Pilgerinnen nach Jerusalem gekommen. Parther, Meder, Elamiter, Kappadozier… zwölf Namen zählt der Evangelist Lukas auf in seinem Bericht in der Apostelgeschichte. Es ist interessant: Wenn man auf der Landkarte nachsieht, wo diese Länder liegen, wird deutlich: Die Reihenfolge ist nicht beliebig gewählt. Die Aufzählung der Völker geht von Osten nach Westen und von Süden nach Norden. Auch dass 12 genannt werden, ist nicht zufällig. Es ist die Zahl der Fülle, der Vollkommenheit. Will sagen: An Pfingsten in Jerusalem sind Menschen aus dem ganzen Erdkreis zusammen. Eine internationale Gemeinschaft.

Musik: "Mayim" (trad. Aus Israel) 

Keine Feststimmung bei den Jüngerinnen und Jüngern

Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind noch nicht in Feststimmung. Sie sind auch nicht auf der Straße, wie die anderen. Sie sitzen hinter verschlossenen Türen. Von Leichtigkeit keine Spur. Seit Jesus nicht mehr da ist, treffen sie sich jeden Tag: Maria, Petrus, Johannes, Salome, Andreas, Maria Magdalena und die anderen Jüngerinnen und Jünger. Sie beten und sie beraten, wie es weitergehen soll. Matthias haben sie als 12. Apostel nachgewählt, um die Lücke zu schließen, die Judas hinterlassen hat. Aber die viel größere Lücke ist geblieben: Jesus ist nicht mehr da. Zum zweiten Mal hat er sie verlassen. Nach Ostern war er 40 Tage bei ihnen. Sie haben zusammen gegessen, geredet. Sie konnten ihn berühren. Aber dann, auf dem Berg, ist er auf einmal verschwunden. In einer Wolke, aufgefahren in den Himmel - oder wie auch immer. Sie sind allein zurückgeblieben.
"Wo bist du? Wo können wir dich finden, dir nahe sein?" Fragen, auf die sie Antwort suchen. Jesus hatte beim Abschied gesagt: "Ich will euch nicht allein zurücklassen. Ganz nah werdet ihr mich spüren und meine Kraft. Bleibt zusammen und wartet ab, was geschehen wird." Das tun sie nun schon seit 50 Tagen.

Begeistert durch das Pfingstwunder

Da kommt ein Brausen vom Himmel. Ein frischer Wind weht durch den Raum. Auch in ihnen kommt etwas in Bewegung. Ganz warm wird ihnen ums Herz. Es ist, als ob sie Feuer gefangen hätten. Die Angst ist vorbei. Sie springen auf, laufen durcheinander. Auf einmal verstehen sie: "Das hat Jesus gemeint! Das hat er uns versprochen: Seine Kraft, seine Wärme, seinen Mut, seine Lebendigkeit. In uns, in unserer Mitte, in unseren Herzen!"

Sie machen die Tür auf, gehen auf die Straße, fangen an zu reden. Die Worte sprudeln nur so aus ihnen heraus. Und dann geschieht das Wunder: Alle verstehen, was sie sagen! Die Menschen in der Stadt, die aus den vielen verschiedenen Ländern zum Pfingstfest nach Jerusalem gekommen sind - alle hören sie in ihrer Muttersprache!

Erfüllt von dieser Gotteskraft, verwandelt sich ihre Angst. Ihre Lebendigkeit kehrt zurück. Etwas geht auf in ihnen. Lässt sie aus sich heraus gehen und über sich hinauswachsen. Sie gehen auf andere zu, die ihrerseits angesteckt werden von der Bewegung, von dem Feuer, der Freude, dem Staunen, der Begeisterung.

Musik: Johann Sebastian Bach, "Der Geist hilft unser Schwachheit auf" BWV 226

Diese Begeisterung wünsche ich mir auch

Von diesem Schwung, von dieser Begeisterung könnte ich etwas gebrauchen. Zwei Jahre Pandemie und nun der Krieg. Was jetzt endlich wieder in Fahrt kommen könnte, wo die Inzidenzen sinken und die Beschränkungen fallen – wird ausgebremst durch die Nachrichten aus der Ukraine. Ich sehe auch andere, die sich gelähmt fühlen. Zu Veranstaltungen melden sich die Leute nicht an, oder wenn, dann erst in allerletzter Minute, nach zwei Erinnerungsmails. Viele sind zurückhaltend mit ihren Planungen. Bleiben lieber unter sich. Obwohl das Frühjahr so leuchtend und schön war, die Begeisterung ist verhalten. Vom Gefühl und im Blick auf die Weltlage sind viele immer noch in der Passionszeit.

"Wo ist Gott in diesem Krieg?" fragt eine Frau

"Wo ist Gott in diesem Krieg?" fragt mich eine Frau nach dem Gottesdienst. "Ich merke, wie mir mein Glaube unter den Fingern zerrinnt, wenn ich die furchtbaren Bilder aus der Ukraine sehe."

Was soll ich ihr antworten? Wie passt das zusammen – die Botschaft vom Gott der Liebe und das schreckliche Leid auf der Welt? Ich denke an das Gespräch mit einer Freundin. Ihr Mann ist an Krebs gestorben. Keiner konnte ihm helfen. Sie hat ihn begleitet. Musste mitansehen, wie er gelitten hat. Sie sagt: Ich habe damals verzweifelt gefragt: „Gott, wo bist du?“ Die alten Vorstellungen haben nicht getragen. Der Gedanke an den Gott, der im Himmel alles "so herrlich regieret", hat mich nur noch in größere Zweifel geworfen. Die Antwort, die ich später bekommen habe: "Ich war in dir, damit du bleiben konntest."

Gott als vielfältige Kraft in mir

"Gott in mir", sagt sie, "das kann mir niemand mehr nehmen. Ich erlebe Gott als die Kraft, durchzuhalten, wo es schwer ist, als Kraft, um in der Liebe zu bleiben und die Hoffnung nicht aufzugeben. In dieser Verbundenheit kann ich alles aushalten und immer wieder Kraft schöpfen. Ich bin begleitet im Leid und mit einer tiefen Freude erfüllt."

Gott in mir. Das haben die Jüngerinnen und Jünger Jesu an Pfingsten erlebt: Christus ist nicht mehr unter uns, er ist mit seinem Geist, seiner Kraft in uns. Solange Jesus auf Erden war, sind sie ihm gefolgt, wie Kinder ihren Eltern. Jetzt müssen sie selbst Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen, eigene Wege gehen. "Es ist gut für euch, dass ich weggehe", sagt Jesus in seinen Abschiedsreden. "Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden… und er wird euch in alle Wahrheit leiten." (Joh. 16,13)

Jesus ist in ihren Herzen

Jesus lässt die Jünger nicht allein. Er geht aus ihrer Mitte, aus dem Kreis der Freunde und Freundinnen, und er kommt in ihre Mitte. In die Mitte ihres Herzens. Seine Geistkraft ist die Trösterin, der innere Begleiter, der uns führt und inspiriert. Sie lädt uns ein, unserem inneren Impuls zu vertrauen und ihm zu folgen. Pfingsten verstehe ich als Ermutigung, diesen Schritt mitzugehen. Den Schritt aus dem Kinderglauben ins Erwachsenwerden. An Weihnachten feiern wir, dass Gott Mensch geworden ist. Gott kommt zur Welt. Nimmt Wohnung unter uns in dem Menschen Jesus von Nazareth. Pfingsten geht diesen Weg weiter. Seine Botschaft lautet: Gottes Geistkraft wohnt in uns. In jedem und in jeder. Nicht der Himmel, nicht ein Kirchengebäude - wir sind ihre Wohnung. Unser Körper – so sagt es eine andere Stelle der Bibel - ist der Tempel des Heiligen Geistes. Er ist der Ort der Gegenwart Gottes in uns. Gott nicht fern im Himmel, sondern ganz nah, näher als ich mir selbst bin.

Musik: Johann Sebastian Bach, "Kommt, Seelen, dieser Tag"

Ein neuer Geist kommt in die Welt

Die Pfingstgeschichte ist ein starkes Gegenbild zu dem, was wir gerade erleben. Ein neuer Geist kommt in die Welt. Begeisterung, Inspiration, Verständigung. Wie wenn nach langer Trockenheit der erste Regen fällt und alles zu blühen beginnt. Wie auf einem Festival, wenn die Band das Publikum begeistert. Menschen, die sich nicht kennen, fallen einander in die Arme. Sie tanzen zusammen, klatschen und singen. Werden zu einer großen Gemeinschaft.

Die Begegnung mit dem neuen Geist verändert

Die Begegnung mit Gottes Geist verändert die Menschen und ihr Miteinander. Fremde gehen aufeinander zu. Menschen verschiedener Herkunft und Nationalität verstehen sich. Die Begeisterung der einen strahlt auf die anderen aus. Führt zusammen und schafft Begegnung. Manche sind irritiert über das bunte Treiben. "Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen", fürchten sie und vermuten: "Die sind voll des süßen Weines". Viele andere lassen sich berühren und begeistern.

Der Geist Gottes erreicht sie in ihren unterschiedlichen Sprachen und Befindlichkeiten. Und - das finde ich bemerkenswert: Alle dürfen verschieden bleiben und begegnen sich doch in einem Geist. Niemand muss erst werden wie Petrus oder wie Maria Magdalena. Man muss auch nicht Aramäisch lernen oder Griechisch, um diese Kraft zu spüren. Aber verstehen sollen sie das, was sie gerade erleben. Petrus versucht darum, in Worte zu bringen, was ihn so begeistert. Er erzählt von Jesus. Wie er Kranke geheilt und Traurige getröstet hat. Wie er gepredigt hat vom Reich Gottes, das in uns ist und überall da sichtbar wird, wo Menschen in Frieden und Gerechtigkeit zusammenleben. Von seinem Tod und von seiner Auferstehung. Dass er da ist, hier und jetzt. Dass Gottes Kraft wirkt in allen, die ihm vertrauen und nachfolgen. (Apg. 2)

Wie Gottes Geist verändert

"Was sollen wir tun?" fragen die Leute. Sie sind angerührt von dem, was sie hören und spüren. Dieses Feuer! Dieser frische Wind! Diese Gemeinschaft! Sie wollen dazugehören. Etwas davon mitnehmen, wenn sie wieder zurück in ihren Alltag gehen. "Tut Buße!" antwortet Petrus sehr nüchtern. Die Veränderung, die Gottes Geist in die Welt bringt, beginnt bei jedem einzelnen. Auch der Frieden. Auf den Darstellungen der Pfingstgeschichte sieht man Feuerzungen über den Köpfen der einzelnen Jüngerinnen und Jünger. Es ist kein Feuer für alle, sondern jede einzelne Person wird – im Bild gesprochen – entzündet. Inspiration, Initiative für Veränderung geht von Einzelnen aus, die ihr Feuer, ihre Vision weitertragen.

Musik: Joseph Boismortier, Rigaudon aus: Suite für Traversflöte No. 2 G-Dur

In mich gehen und raus gehen

Was sollen wir tun? Wenn Begeisterung kein Strohfeuer bleiben soll, führt sie zu dieser Frage. Auch heute fragen viele Menschen so. Was sollen wir tun für den Frieden? Wie können wir helfen? Wo ist das Feuer, das uns entzündet?

Wenn ich die biblische Geschichte frage, finde ich zwei Antworten: Die einen gehen raus. Machen sich auf den Weg. Pilgern nach Jerusalem. Gehen unter Leute, reden, feiern. Die anderen machen ihre Tür zu. Sie gehen nach innen, in die Stille, ins Gebet. Beide Gruppen erleben das Pfingstwunder. Beide werden gepackt von dem Geist der Verständigung, der frischen Wind bringt und neues Feuer.

Manchmal muss ich raus gehen, mich für andere öffnen, um einen Impuls zu bekommen, der mich weiterbringt. Manchmal kommt die Inspiration von innen. Aus der Stille. Dann liegt die Lösung nicht darin, immer noch mehr zu tun. Sondern im Nicht-Tun. Ich komme zur Ruhe. Lausche nach innen. Gehe in Kontakt mit der Geistkraft in mir.

Nicht nur bei sich bleiben

Eine interessante Studie aus der modernen Glücksforschung kommt zu dem Ergebnis: Wenn ein Mensch sich für etwas begeistert, das größer ist als er selbst, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er glücklich wird deutlich höher, als wenn er sich nur um sich selbst dreht. Der Geist, den wir an Pfingsten feiern, führt uns über uns selbst hinaus. Er pflanzt uns diese Vision ins Herz und in die Seele: Begegnung ist möglich und Verständigung über die Grenzen von Sprache, Kultur und Religion hinweg. Waffen und Gewalt behalten nicht das letzte Wort. sondern der Geist des Friedens und der Versöhnung.

Gottes Geist - ein Geist des Friedens und der Verständigung

Der Bibelspruch, der über dem Pfingstfest und über der Pfingstwoche steht, beschreibt diese Vision so: "Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth" (Sach. 4,6b). Diese Vision ist eine große Utopie. Sie wird nicht ungültig, weil unsere Wirklichkeit gerade eine andere Sprache spricht. Der pfingstliche Geist hat uns längst auf den Weg gebracht. Viele haben erkannt: Gewalt ist kein Mittel, um langfristig gerechte und vertrauensvolle Beziehungen herzustellen. Viele Gesellschaften in Europa haben sich dafür eingesetzt, dass die Anwendung von Gewalt unter Strafe gestellt wird. In der Erziehung, in der Ehe, in der Pflege. Mit Erfolg. Um Konflikte zu lösen, um Menschen zum Frieden zu befähigen, braucht es etwas anderes als die Gewalt, mit der sich der Stärkere durchsetzt. Auch die Gewaltspirale des Krieges lässt sich nicht allein mit militärischer Stärke und immer neuen Waffenlieferungen durchbrechen. Nur Verhandlungen werden zum Frieden führen. Das ist die Aufgabe der Politik. Wir alle können sie unterstützen, indem wir Frieden suchen in uns selber und in den Gemeinschaften, in denen wir leben. Das ist die Voraussetzung für den Frieden in der Welt. Darum bitten wir an diesem Pfingstfest um Gottes Geist, den Geist des Friedens und der Verständigung.

Musik:  Patrick Duncan, "Hallelujah Hosanna" (Gospel aus Südafrika)

* Die hr2 Morgenfeier ist von Andrea Wöllenstein geschrieben, aber ausnahmsweise von Claudia Rudolff gelesen.       

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