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Ein guter Start: Mit Weihnachten ins neue Jahr
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Ein guter Start: Mit Weihnachten ins neue Jahr

Stefan Wanske
Ein Beitrag von

Stefan Wanske,

katholischer Pfarrvikar im Pfarreienverbund Gießen
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Wenn morgens schon Stress und Hektik herrschen, ist das meistens kein gelungener Start in den Tag. Trotzdem passiert mir das immer wieder: später aufgestanden als geplant, und dann in Eile duschen, anziehen, alles zusammensuchen, schnell noch einen Kaffee im Stehen und auf den letzten Drücker das Haus verlassen.

Entspannt in den Tag

Nach einem so unentspannten Morgen merk ich meistens: Der setzt sich im weiteren Tagesverlauf genauso fort. Ich sitze dann gereizt im Auto auf dem Weg zu den ersten Terminen, ich bin unkonzentriert bei den ersten Begegnungen mit Leuten; und ich bin irgendwie bei allem, was kommt, nur halb in Schwung. Dabei weiß ich aus Erfahrung durchaus, wie ein Tag wesentlich besser anfängt: Wenn ich ein bisschen früher aufstehe, ist das oft schon die halbe Miete. Klar: Genug Schlaf ist auch wichtig. Aber zwischen einem eiligen Kaltstart und einem Morgen mit Ruhe und Gelassenheit liegt manchmal nur eine Viertelstunde.

Und wenn ich es dann noch schaffe, am Abend vorher die Tasche für den nächsten Tag zu packen und schon mal was fürs Frühstück vorzubereiten, dann bleibt morgens genügend Zeit. Ich muss mich dann nicht abzappeln, um rechtzeitig loszukommen. Und kann mich sogar mit einer Meditation und einer kurzen Gebetszeit einstimmen auf alles, was kommt.

Entspannt in ein neues Jahr

Heute, am zweiten Januar, noch ganz am Anfang des neuen Jahrs, da hab ich das Gefühl: mit dem neuen Jahr ist das ganz genauso.

Ein guter Start, der ist für 2022 schon die halbe Miete. Ich will in dieser Morgenfeier der Frage nachgehen, was für mich dazu beiträgt, achtsam und gelassen ins neue Jahr zu starten.

Für jetzt, am frühen Sonntagmorgen, hab ich dazu als erstes eine ganz entspannte, fröhliche Musik ausgewählt: Eine Barockkomposition von Arcangelo Corelli.

Musik 1:  Arcangelico Corelli, Allegro; aus: Concerto grosso g-moll (op.6 / Nr.8 (fatto per la notte di Natale); CD 1/3: „Barocke Weihnachtskonzerte“, Label Philips Classics (446 956-2), Track 02, 02:31 min.

Dieses Allegro gehört zum Concerto grosso in g-moll, das Arcangelo Corelli um 1690 herum komponierte. Es wird auch als sein „Weihnachtskonzert“ bezeichnet, weil es die Überschrift trägt „fatto per la notte die Natale“, „geschaffen für die Christnacht“.

Weihnachtlich ins neue Jahr

Das noch junge neue Jahr mit Weihnachten anzufangen, das ist gar nicht so abwegig, wie es sich im ersten Moment anhört.  Im Kirchenkalender ist nämlich der Start ins neue Jahr ohne Weihnachten gar nicht zu denken. Auch, wenn Silvester und Neujahr schon hinter uns liegen: In der Kirche haben wir noch Weihnachten. Und da dauert es auch noch einige Zeit, mindestens bis zum sechsten Januar oder sogar bis zum Sonntag danach. Früher ging Weihnachten sogar bis „Lichtmess“, bis zum 2. Februar.

Die Weihnachtsbäume und die Krippe bleiben in den Kirchen und Kapellen also einstweilen drin. Vielleicht sind es gar nicht so wenige, die heutzutage überrascht wären, wenn man ihnen sagte: „Du, Weihnachten dauert gar nicht nur drei Tage, sondern drei Wochen.“

Motivations-Botschaft für den Jahresanfang

Ich finde ein langes Weihnachten gut, und mir gefällt es, dass das Fest der Geburt Jesu nicht nur das alte Jahr abschließt, sondern dadurch eben auch noch das neue Jahr einläutet. Eine bessere Motivations-Botschaft als die Weihnachtsbotschaft, die kann es zum Jahresanfang gar nicht geben:  

An Weihnachten zeigt Gott, wer er wirklich ist. Er macht sich als Mensch berührbar und verletzlich, führt ein Leben als Mensch auf der Erde, von der Geburt bis zum Tod. Er teilt unseren menschlichen Alltag und unser Los mit aller Konsequenz. Und er bleibt doch ganz Gott.

Halleluja von Hammerschmidt

Dass Gott unser Leben teilt, und zwar an allen Tagen des Jahres, das ist für mich der beste Grund, Weihnachten zu feiern. Der Komponist Andreas Hammerschmidt hat darüber schon im 17. Jahrhundert ein Weihnachtslied gestaltet, das eine fast schon übermütige Freude atmet: Andreas Hammerschmidt lässt den Chor am Anfang und am Ende seines Lieds zwölfmal „Halleluja“ singen. Den wichtigsten Grund für solchen überschwänglichen Jubel beschreibt er in der ersten Strophe:

Freuet euch, ihr Christen alle!
Freue sich, wer immer kann,
Gott hat viel an uns getan.
Freuet euch mit großem Schalle,
Dass er uns so hoch geacht't,
Sich mit uns befreund't gemacht.
Freude, Freude über Freude!
Christus wehret allem Leide.
Wonne, Wonne über Wonne!
Er ist die Genadensonne.

Musik 2: Andreas Hammerschmidt: Freuet euch, ihr Christen alle; CD 2/2: „Die schönsten Lieder zur Advents- und Weihnachtszeit“, Label hänssler (CD 97.050), Track 22, 03:43 min.

Dass wir Gott so viel wert sind, dass er unsere Freundschaft sucht und auch im Leid bei uns bleibt, wie Andreas Hammerschmidt hier singen lässt, das ist eine unglaubliche Botschaft. Gott begegnet mir auf Augenhöhe, sozusagen „von Mensch zu Mensch“. Im hilflosen Kind in der Krippe, dem zentralen Bild für das Weihnachtsgeschehen, das wir drei Wochen lang feiern, kommt mir Gott auf einmal ganz handgreiflich nahe: Nicht als Prinzip oder Theorie, nicht als abstrakte Macht, sondern wie einer von uns, sozusagen „in Fleisch und Blut“.

Weihnachten braucht Zeit

Ich bin dankbar, dass diese Weihnachtsbotschaft vom Kirchenkalender her auch als Überschrift über dem neuen Kalenderjahr steht. Denn ich finde: Weihnachten braucht genügend Zeit.

Vom Komponisten Anton Bruckner wird erzählt, er habe mal an Heiligabend in einer Christmette Orgel gespielt. Nach der feierlichen Messe sei er nach Mitternacht allein in der Kirche zurückgeblieben. Am nächsten Morgen habe ihn der Küster beim Aufschließen der Kirche im Gebet versunken vor der Krippe gefunden. Auf die Frage des Küsters, was er denn hier noch mache, habe Bruckner geantwortet: „Ich bin einfach nicht fertig geworden damit, dass ER Mensch geworden ist.“

Nicht fertig werden mit der Botschaft

Eine halbe Nacht hat Bruckner zum Staunen gebraucht über dieses Wunder der Weihnacht: Wenn die Geschichte stimmt, dann trifft sie beim Nachdenken darüber, was für die Christinnen und Christen das Wichtigste an Weihnachten ist, voll ins Schwarze: Die Botschaft „Gott ist in Jesus ein Mensch geworden“.

Diese Botschaft nachzuempfinden, das geht nicht so schnell. Und es ist gar nicht übertrieben, dass der kirchliche Kalender für die Weihnachtliche Festzeit dazu fürs Erste mal drei Wochen reserviert und mich deshalb mit weihnachtlicher Zuversicht ins neue Jahr schickt.

"Das neugeborene Kindlein" von Bach

Diese Zuversicht hat Johann Sebastian Bach in einer Kantate zum Sonntag nach dem Weihnachtsfest zum Klingen gebracht. Sie trägt den Titel „Das neugeborne Kindelein“ (BWV 122) und wurde am Silvesterabend 1724 in Leipzig zum ersten Mal aufgeführt. In der Arie gestaltet er, sicher auch mit Blick auf den kommenden Neujahrstag, eine Art Zwiegespräch zwischen den Stimmen des Chors:

Ist Gott versöhnt und unser Freund,
O wohl uns, die wir an ihn glauben,
Was kann uns tun der arge Feind?
Sein Grimm kann unsern Trost nicht rauben;
Trotz Teufel und der Höllen Pfort,
Ihr Wüten wird sie wenig nützen.
Das Jesulein ist unser Hort.
Gott ist mit uns und will uns schützen.

Musik 3: Johann Sebastian Bach, Arie „Ist Gott versöhnt und unser Freund“; aus Kantate „Das neugeborne Kindelein“ (BWV 122). CD 4/4 „Bach-Ensemble / Helmuth Rilling: Kantaten zum Weihnachtsfestkreis”, Label hänssler Classic (98.836/4), Track 04, 02:43 min.

„Gott ist mit uns und will uns schützen.“ – So bringt Bach in seiner Arie am Silvesterabend 1724 auf den Punkt, was glaubende Menschen an Weihnachten feiern.

Ich meine, dass auch heute, bald dreihundert Jahre später, so ein Satz als Startschuss für das Jahr 2022 bestens passt. Ich spür an diesem Jahreswechsel wie jedes Jahr viel Hoffnung: So ein neues Jahr, das liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor mir, und ich bin gespannt, mit welchen Zeilen und Bildern das Leben es füllen wird.

Unsicherheit zum Jahresbeginn

Andererseits spür ich jetzt, schon beim zweiten Jahreswechsel mit Corona, auch viel Unsicherheit: Wie wird das alles weitergehen? Mit welchen Virusvarianten werden wir es noch zu tun kriegen? Oder wird sich die Lage in den nächsten Wochen und Monaten endlich mal dauerhaft entspannen?  Und auch von der weltweiten Pandemie mal abgesehen: Wie 2022 wirklich wird, das muss sich erst noch zeigen.

Ein Jahresanfang mit Weihnachten im Rücken tut mir da gut. Denn Weihnachten sagt mir: in allen Wechselfällen menschlicher Geschichte ist Gott mittendrin.

Die bekannte Weihnachtsgeschichte

Schon die bekannte Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium, die auch in der Heiligen Nacht im Gottesdienst gelesen wird, erzählt davon: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen. Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien.“ Eine Geburt unter prekären Umständen, aber begleitet von Engeln, die sozusagen die Innenseite dieser Geburt herausposaunen, dass es sich trotz allem um die Geburt des Retters handelt, die Gott zur Ehre geschieht und den Menschen Frieden verspricht.

Weihnachten ist kein goldiges Kinderfest, keine rührselige künstliche Idylle. Weihnachten ist ein Fest des Aufbruchs, des Umbruchs. Es ist der Startschuss für etwas total Neues: Gott kommt höchstpersönlich zur Welt in seinem Sohn, wird einer von uns, und geht mit jedem einzelnen Menschen durchs Leben, das ganz Jahr hindurch.

"Des großen Gottes Freundlichkeit"

Kaspar Friedrich Nachtenhöfer, ein lutherischer Pfarrer in Coburg, hat 1684 die Bedeutung von Weihnachten für das ganze Jahr in ein Lied gefasst, das ich besonders mag. Es steht bis heute im Evangelischen Gesangbuch: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit.“ (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 40). In dessen letzter Strophe beschreibt er seine Vorstellung, dass Weihnachten, so verstanden, im Grunde eine Lebenseinstellung ist:

„Drum, Jesu, schöne Weihnachtssonne,
bestrahle mich mit deiner Gunst;
dein Licht sei meine Weihnachtswonne
und lehre mich die Weihnachtskunst,
wie ich im Lichte wandeln soll
und sei des Weihnachtsglanzes voll.“

Musik 4: Kaspar Friedrich Nachtenhöfer (T) / Johann Balthasar König (M): „Dies ist die Nacht, da mir erschienen“; CD 2/2: „Die schönsten Lieder zur Advents- und Weihnachtszeit“, Label hänssler (CD 97.050), Track 04, 02:28 min.

Die „Weihnachtskunst“, zuversichtlich durchs Leben zu gehen, die hier in einem alten Choral besungen wird, die hat auch später noch in ernsten Zeiten Menschen getröstet und ihnen Mut gemacht. Ich denke an den Jesuitenpater Alfred Delp. Er hat einen Satz geschrieben, an den ich Weihnachten und um den Jahreswechsel herum immer denken muss:

Dem Leben trauen!

 „Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt.“ Alfred Delp hat diesen Satz notiert, als er äußerlich total verlassen war: in Haft, an den Händen gefesselt, kurz nach dem Jahresanfang 1945 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee, mit 37 Jahren den Tod vor Augen.

Lasst uns dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt. Dazu möchte ich mich 2022 von Weihnachten her bewegen lassen. Ich möchte daran denken, dass Gott sich nicht zu schade dazu war, in einen menschlichen Alltag mit allen Höhen und Tiefen einzutreten. Um denen nahe zu sein, deren Leben gerade mühsam ist.

Einen guten Start ins neue Jahr!

Wir sind nicht am Ende, nicht mit der Weihnachtszeit, nicht mit unserem Gott, nicht mit uns selbst. Im Gegenteil: Mit Weihnachten im Rücken können wir neu anfangen.

In diesem Sinne: Auch heute und in den nächsten beiden Wochen Ihnen allen ein weiterhin frohes und gesegnetes Weihnachtsfest. Und einen guten, weihnachtlichen Start ins neue Jahr!

Musik 5:, Johann Sebastian Bach: Choralbearbeitung „Vom Himmel hoch“, BWV 738; CD: CD 2/3 „In dulci jubilo – Musik zur Weihnachtszeit von Johann Sebastian Bach“, Label Philips Classics (432 469-2), Track 3, 01:24 min.

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