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Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin
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Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin

Judith Vonderau
Ein Beitrag von Judith Vonderau, Autorin bei "kirche im hr", Bad Orb
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Wladimir Putin hat die Mobilisierung von 300.000 Reservisten beschlossen. Diese 300.000 Männer sollen in den Krieg ziehen, doch viele von Ihnen wollen das gar nicht. Die Reaktion der Reservisten lässt nicht lange auf sich warten. Nachdem die Nachricht bekannt geworden war, dauerte es gerade mal eine Stunde, bis alle Zugtickets aus Moskau heraus ausverkauft waren. Und gleichzeitig erreichen die Preise für Flugtickets von Moskau aus Rekordniveau.

Wer nicht in den Krieg ziehen will, flieht und verlässt Russland. In der Militärsprache werden diese Menschen Deserteure genannt. Den Kriegsdienst zu verweigern, gilt als Verbrechen. Doch in diesem Fall scheint das von sehr vielen Menschen ganz anders beurteilt zu werden. Die Weigerung, im Krieg zu kämpfen, wird als Zeichen von Stärke gesehen. Als Zeichen des Protests gegen einen ungerechten Krieg. Als Akt von Freiheit und Frieden.

Ein Zitat des Dichters und Historikers Carl Sandburg bringt es für mich auf den Punkt. Er sagte nämlich: "Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin." Genau das scheint gerade in Russland zu passieren. Putins Plan droht krachend zu scheitern. Stattdessen kann der Einzelne etwas bewegen und bewirken. Präsident Putin kann nicht weiterhin über die Köpfe der Menschen hinweg regieren. Die Lebenswirklichkeit Einzelner spielt plötzlich eine Rolle. Sie schaffen eine Realität, die Putins Zielen entgegensteht.

Dieses Verhalten macht Mut und zeigt, dass auch bei den großen Geschehnissen der Weltpolitik nicht alles hingenommen werden muss. Auch Menschen, die vermeintlich keine Macht haben, können mächtig sein. Sie können politisch etwas verändern und die Welt mitgestalten.

Diese Selbstwirksamkeit gibt Kraft und Mut, an das Gute zu glauben und sich für das Gute und eine bessere Welt einzusetzen. Sie stärkt das Vertrauen, dass sich auch schwierige Situationen kreativ lösen lassen. Der Entschluss der Reservisten, keinen ungerechten Krieg zu führen, stellt die Menschen und ihr Leben wieder in den Mittelpunkt. Und er kann für mich Anlass sein, darüber nachzudenken, wann und wo ich selbstwirksam sein und die Welt gestalten kann.

Wann sind Sie selbstwirksam? Wo können Sie die Welt gestalten?

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