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Blumengießen

Blumengießen

André Lemmer
Ein Beitrag von André Lemmer, Pfarrer in der Pfarrei Sankt Elisabeth in Kassel
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„Du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst“, sagt Jesus. Im Großen und Ganzen denke ich, bekomme ich das schon ganz ordentlich hin. Das aber mehr dazu gehört, als dem Nächsten wohlgesonnen zu sein und ihm in Liebe zu begegnen, habe ich in den vergangenen Wochen gelernt. Mein Kollege, der in einen dreiwöchigen Urlaub aufbricht, bittet mich, seine Blumen zu gießen. Na klar übernehme ich das. Es ist ja nichts dabei, mal kurz ein bisschen Wasser zu den Blumen zu gießen.

Blumen sind nicht mein Ding

Da gibt es nur ein Problem. Ich mache mir aus Blumen nichts. An der Schönheit von blühenden Zimmerpflanzen habe ich keine Freude. Ich beachte sie nicht. Ob sie da sind oder nicht, hat für mich überhaupt keine Bedeutung. Nun kommt es zwangsläufig, wie es kommen muss: Am Ende der ersten Urlaubswoche lege ich die Post ins Büro meines Mitbruders. Als ich den Rollladen etwas hochziehe und das Fenster öffne, fällt mir dieser große Blumentopf ins Auge. Recht schlapp hingen da so manche Blätter auf den Boden. Die Blüten hatte die Blume wohl schon vor ein paar Tagen unbemerkt abgeworfen. Schnell laufe ich in die Küche und hole eine Karaffe Wasser. Wie viel muss ich jetzt eigentlich gießen? Kann man Blumen auch ertränken? Läuft das überschüssige Wasser dann auf den Boden? Hätte ich doch mal gefragt! Aber jetzt ist nicht die Zeit zum Grübeln. Die Karaffe und eine weitere Füllung verschwinden in dem großen Kübel. Ich hoffe, das hilft, denke ich mir und schaue die Blume mitleidig an.

Erlernte Nächstenliebe

Jeden Tag, wenn ich die Post ins Büro bringe oder die Fenster zum Lüften öffne, stecke ich den Finger in die Blumenerde, um zu prüfen, ob noch ein bisschen Feuchte in der Erde ist. Und Gott sei Dank erholt sich die Blume wieder und fängt sogar an zu blühen. In diesen Tagen ist mir die Blume plötzlich wichtig geworden. Nicht weil ich sie schön finde, sondern weil sie mein Kollege schön findet. Blumengießen ist für mich kein Dienst mehr, den ich mache, weil mein Kollege sonst sauer auf mich ist, wenn die Blume stirbt. Es ist ein Dienst, den ich mache, weil die Blume eben etwas Schönes für andere ist, die ich mag. Ich finde es auch ein bisschen sympathisch, dass sie nicht eingegangen ist. Ich mag weiterhin keine Blumen, ich beachte sie nicht. Außer vielleicht diese eine. Aus der Sorge um sie, hab ich sie irgendwie lieb gewonnen. Ist das nicht erlernte Nächstenliebe?

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