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Symphonie 4:33
Bild: Pixabay/Gerd Altmann

Symphonie 4:33

Kathrin Wittich-Jung
Ein Beitrag von Kathrin Wittich-Jung, Evangelische Pfarrerin, Studienleiterin, Hofgeismar
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Stellen Sie sich das mal vor: Sie sitzen im Konzertsaal. Der Pianist betritt den Raum und setzt sich an das Klavier. Rückt die Seiten der Partitur zurecht, setzt seine Brille auf. Holt eine Stoppuhr aus dem Frack und schließt den Deckel der Tastatur. Er blickt auf die Stoppuhr. 

Einfach nur Stille

Und tut sonst nichts. Keine virtuosen Klavierklänge. Kein Takt, bei dem man innerlich mitgehen könnte. Einfach nur Stille. 4 Minuten und 33 Sekunden. So heißt das Stück von John Cage. Als es am 29. August 1952 zum ersten Mal zur Aufführung kam war die Empörung groß. Wie kann das sein: 4 Minuten 33 einfach nur Stille? 

So still ist es gar nicht

Nach der ersten Irritation stellte man fest: So still ist die  Stille gar nicht. Ich höre die Geräusche der anderen Menschen. Das Rascheln der Kleidung. Das Scharren der Füße. Vielleicht höre ich meinen Herzschlag und meinen Atem. Die Stimmen auf der Straße und das Bellen eines Hundes.
Und dann ist das irgendwie doch wie Musik. 
John Cage war der Meinung: Man könnte seine Symphonie auch länger spielen. Und auch an anderen Orten und sogar ohne Interpreten, denn die Geräusche der Welt komponieren diese Minuten. 

Selbst das Stück zur Aufführung bringen

Ich kann das Stück selbst zur Aufführung bringen: 
Einfach nur mal dasitzen und auf die Welt um mich herum hören. Der Fernseher, das Radio und das Handy sind dann ausgeschaltet. Einen Moment keine Nachrichten und Musik. Kein Klappern der Tastatur. Ich höre in die Welt hinein und ein bisschen auch in mich selbst. Ich glaube, im Alltag braucht es manchmal ein paar Minuten wie diese. Denn oft ist mein Kopf übervoll von Nachrichten über Krieg und Sorgen. Ein Termin jagt den nächsten. Da ist dann gar keine Zeit mehr, auf die schöne Musik der Welt zu hören. 

Ganz zur Ruhe kommen

In den paar Minuten, in denen ich mal auf gar nichts anderes höre und nichts tue, komme ich zur Ruhe. Manchmal ordnen sich dabei auch die Gedanken – auch wenn’s nur kurz ist.  4 Minuten 33 mit mir, der Welt und irgendwie auch mit Gott. Ich vertraue darauf: Er setzt sich in den ruhigen Minuten auch einfach daneben und hört zu.
 

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