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Gib uns unser tägliches Brot
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Gib uns unser tägliches Brot

Andrea Seeger
Ein Beitrag von Andrea Seeger, Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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In Pandemie-Zeiten ist es nicht leicht, in der Weltgeschichte herumzureisen. Wohl dem, der Bilder in seinem Kopfkino abrufen kann. Und erstaunlich, was da so alles zum Vorschein kommt.

Ein Frühstück auf dem Campingplatz in Agadir

Zum Beispiel eine Reise nach Marokko. Das war Anfang der 1980er Jahre - mit wenig Geld und einem geliehenen VW-Bus. Eine Szene hat sich mir eingebrannt. Wir sitzen auf einem Campingplatz in Agadir beim Frühstück. Instantkaffee, Weißbrot, Marmelade, Käse, ein paar Früchte. Das hatten wir im kleinen Laden auf dem Gelände gekauft, für zwei, drei Mark. Nicht der Rede wert.

Was verdient ein Arbeiter auf dem Campingplatz am Tag?

In Sichtweise von uns werkelten Arbeiter am Zaun, der rund um den Campingplatz hochgezogen war. Ich weiß noch, dass mir das unangenehm war. Ich mochte nicht, dass sie uns ins Brot beißen sahen. Aber warum eigentlich? Es war doch nur ein schmales Frühstück. Am Nachmittag traf ich deutsche Dauercamper und kam mit ihnen ins Gespräch. Irgendwann sprachen wir dann auch über die Arbeiter - weniger über sie als Person, vielmehr über den Lohn, den sie verdienten mit den Reparaturarbeiten.

Wenige Mark am Tag, erklärten die Dauercamper – ungefähr so viel, wie unser kleines Mahl gekostet hat. Das schlechte Gefühl, das mich morgens beschlichen hatte, konnte ich mir jetzt erklären: Wir verfrühstückten die Summe, wofür ein Mann mühselig einen ganzen Tag schuften musste. Und die Arbeiter kamen nicht umhin, uns dabei zuzusehen.

Das Frühstück teilen

Wie lässt sich ein solches Problem lösen? Wir blieben noch ein paar Tage auf diesem Campingplatz. Wenn wir morgens im Lädchen waren, haben wir drei Brote und ein bisschen Käse mehr gekauft und es weitergegeben. Es ließ uns wesentlich leichter ins Brot beißen, wir konnten den Arbeitern in die Augen schauen und sie uns auch. Wir lachten einander entspannt an.

"Und gib uns unser tägliches Brot"

Seither hat die Bitte aus dem Vaterunser „Und gib uns unser tägliches Brot“ für mich eine ganz spezielle Bedeutung. In meiner Küche habe ich täglich viel Essen zur Auswahl. In vielen anderen Ländern der Erde geht es tatsächlich um das eine tägliche Brot.

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