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Ein Prozess für die Weltgerechtigkeit
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Ein Prozess für die Weltgerechtigkeit

Andrea Seeger
Ein Beitrag von Andrea Seeger, Evangelische Theologin und Redakteurin der Evangelischen Sonntags-Zeitung
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Ein syrischer Aktivst macht vor dem Oberlandesgericht Frankfurt das Victory-Zeichen. Seit 19. Januar 2022 steht dort ein syrischer Familienvater vor Gericht, weil er in seinem Heimatland Kritiker des Assad-Regimesgefoltertund gemordet haben soll. Der 36-Jährige hatte zuletzt in einer Klinik in Nordhessen als Arzt gearbeitet. Andrea Seeger von der Evangelischen Kirche sagt: Gut, dass es diesen Prozess gibt. 

Gerechtigkeit ist zentrale Botschaft biblischer Texte

Gott will, dass auf Erden Gerechtigkeit geschieht. Alle Menschen sind aufgerufen, daran mitzuarbeiten. Damit Menschen gut zusammenleben können, gibt es Regeln. Schon in der Bibel dienen die zehn Gebote dem Zusammenleben, uralte Richtlinien, vor Jahrtausenden aufgeschrieben.

Endlich: Gravierende Verbrechen werden überall verfolgt

Recht und Gesetz schützen vor Willkür. Deswegen dürfte es viele Menschen mit großer Freude erfüllen, dass in Frankfurt ein Mann vor Gericht steht, der vor elf Jahren in Syrien gefoltert und gemordet haben soll. Seit 2015 lebt und arbeitet er in Deutschland. Möglich macht den Prozess das sogenannte Weltrechtsprinzip. Das greift bei Verbrechen, die so gravierend sind, dass jedes Land die Täter vor Gericht stellen kann – im Namen der Weltgemeinschaft. Damit solche Taten nicht ungesühnt bleiben.

Deutsche haben eine besondere Verantwortung

Vielleicht sind Deutsche besonders sensibel bei dem Thema. Denn sie haben erfahren, dass reihenweise Nazi-Verbrecher im eigenen Land untergetaucht oder geflohen sind, oft nach Südamerika. Viele der damaligen Täterinnen und Täter haben sich der Verantwortung dadurch entziehen können. Aber auch  Richter und Staatsanwälte hatten damals in weiten Teilen dabei versagt, die Verbrechen des NS-Regimes strafrechtlich zu verfolgen.

Die Opfer kommen zu Wort

Ob der Angeklagte in Frankfurt schuldig gesprochen wird oder nicht, wird sich im Prozess herausstellen. Denn natürlich gilt erst mal die Unschuldsvermutung. Gewonnen hat aber auf jeden Fall jetzt schon die Gerechtigkeit. Und zwar deshalb, weil es möglich ist, dass ein solcher Prozess überhaupt geführt wird. Die Opfer kommen zu Wort - vor den Ohren der Weltöffentlichkeit. Das gibt ihnen einen Teil ihrer Würde zurück - im Namen der Weltgerechtigkeit. So sieht das für mich aus, wenn Menschen mitwirken an Gottes Gerechtigkeit auf Erden.

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