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Warum ich glaube
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Warum ich glaube

Ksenija Auksutat
Ein Beitrag von Ksenija Auksutat, Evangelische Pfarrerin, Stockstadt
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Im Februar 1792 fassten die Revolutionäre in Frankreich den Beschluss, die Religion abzuschaffen. Ksenija Auksutat erzählt, wie das war und was daraus geworden ist. Und wie Glauben ihr durchs Leben hilft.   

Ab sofort spielt die Religion keine Rolle mehr. Kirchen werden geschlossen. Die Woche wird nicht mehr bestimmt vom Sonntag und seiner christlichen Bedeutung. Religiöse Zeichen egal welcher Glaubensrichtung haben nichts mehr in der Öffentlichkeit zu suchen. Wo ein Kreuz hängt, etwa in Schulen oder Gerichtsgebäuden, muss es fort. Ist das Science-Fiction? Oder der Plan einer Partei?

Französische Revolution 1792: Die Religion soll abgeschafft werden

Nein, das hat stattgefunden. In der französischen Revolution wollte man die Religion abschaffen. 1792 war das. Vor 230 Jahren wurde in Frankreich die Republik ausgerufen. Eine neue Welt war geboren, so dachten viele. Nun sollten alle Bürger frei sein. Die Revolutionäre wollten eine Welt frei von Macht und Mächten. Bis heute verständlich, weil ja der König und die Kirche ihre Macht missbraucht hatten.

Ohne Sonntag hatte die Woche 10 Tage

Nun wurden die Kirchen und Religionsgemeinschaften abgeschafft.  Wer etwas glaubt, wurde als irrational gebrandmarkt. Um den Sonntag abzuschaffen, hatte die Woche nun zehn Tage. Alle sollte sich nun den neuen Mächtigen und einer Art Ersatzreligion unterordnen, dem Kult der Vernunft.

Statt Brüderlichkeit herrscht Terror

Schon bald merkten die Menschen: Die Anliegen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurden so nicht verwirklicht. Wer dagegen aufbegehrte, galt als Feind. Aus der Freiheitsbewegung wurde eine Terrorherrschaft. Dutzende von Menschen wurden jeden Tag öffentlich hingerichtet, nicht nur Adelige und Priester, sondern alle, die sich der neuen Regierung widersetzten. Zehn Jahre später war diese Herrschaft vorbei. Der Kult der Vernunft wurde abgeschafft. Die Religion kam wieder zu ihrem Recht.

Totalitäre Regime versuchen, den Glauben zu unterdrücken

Es blieb nicht der einzige Versuch, den Glauben zu verbieten. Die russische Revolution, das Nazi-Regime, der DDR-Staat: Sie alle versuchten aus unterschiedlichen Gründen, sich der Religion zu bemächtigen. Aber viele Menschen hielten im Herzen an Gott fest.

Grundgesetz §4: Die Freiheit des Glaubens ist unverletzlich

In unserem Land schützt das Grundgesetz, dass alle ihre Religion ausüben können oder nicht religiös sein können. Es gibt mehr als 100 Religionsgemeinschaften in Deutschland. Zum Beispiel ganz kleine Gruppierungen wie zum Beispiel den Zoroastrismus. Ein sehr alter Glaube, in dem es um den Kampf zwischen Gut und Böse geht. Und große: wie die römisch-katholische Kirche mit rund 22 Millionen Mitgliedern oder die evangelische Kirche, der 20 Millionen Menschen angehören.

Jede und jeder kann auch ohne Religion leben

Die Freiheit der Religionsausübung heißt auch: Ich muss keine religiöse Vorstellung haben und kann ohne Glaubensgemeinschaft leben. So wichtig mir persönlich der Glaube ist, so wichtig finde ich diese Freiheit. Denn Zwang hat für mich nichts damit zu tun, wie ich Glauben verstehe.    

Menschen wollen eine Erklärung

Jede Religion erzählt etwas.  Ein britischer Philosoph, Anthony Grayling, sagt: „Menschen lieben Erzählungen. Wir wollen eine Geschichte, einen Beginn, eine Mitte und ein Ende. Und wir wollen eine Erklärung“ (Anthony C. Grayling: The God Argument: The Case Against Religion and for Humanism, 2013) . Fast überall und zu jeder Zeit haben Menschen ihr Leben gedanklich in einen größeren Rahmen gestellt.

Schon bei den Ur- und Frühmenschen gibt es Zeichen für Religion

Schon vor vielen hunderttausend Jahren haben wir unsere ihre Toten nicht einfach entsorgt, sondern mit Blütenblättern oder anderen Beigaben bestattet. Das sind frühe Zeichen für Religion.

Erde, Himmel, Gestirne

Und dann war und ist die Natur Ort des Göttlichen. Wasserquellen wurden als starke Kraft angesehen. Quellen waren heilige Orte und Sitz von Göttern. Licht dagegen war der Himmel. Im Blau und Schwarz des weiten Himmels leuchten die Gestirne. Sie folgen rätselhaften, aber doch immer wiederkehrenden Abläufen. Die Sonne, der Mond helfen, Tag, Monat und Jahreszeiten zu bilden. All das spielt sich hoch über den Köpfen der Menschen ab. Nah an diesen himmlischen Abläufen ist man natürlich auf einem Berggipfel. So wurden hohe Berge an vielen Orten zu heiligen Stätten.

Naturwissenschaft und Glaube sind kein Widerspruch

Die Ehrfurcht vor der Natur und dem Weltall teilen bis heute viele, ich auch. Aufklärung und Wissenschaft helfen mir, besser zu verstehen, was da geschieht und welche Gesetzmäßigkeiten es gibt. Für mich als Glaubende ist es kein Widerspruch, die Welt vernünftig und wissenschaftlich zu verstehen und zu erforschen. Und gleichzeitig zu staunen über ihren Grund, die schöpferische Kraft, die ich Gott nenne.

Religion und Herrschaft gehören nicht zusammen

Dabei bin ich froh: Religion und Herrschaft sind in unserem Land nicht mehr verknüpft, und die Wissenschaft ist frei. Das ist hart erkämpft worden. Zum Beispiel auch von der Französischen Revolution, trotz ihrer Schattenseiten. In freien Gesellschaften kann heute jede und jeder über den eigenen Glauben nachdenken und entscheiden. Niemand muss in der Religion der Eltern beheimatet bleiben. Man muss gar nicht glauben. Wie gut: Es gibt inzwischen andere Gründe, Glauben zu leben und auch, in einer Glaubensgemeinschaft zu sein. 

Religion bringt Menschen zum Feiern zusammen

Was wäre das Jahr ohne Feiertage und Feste? Gerade jetzt, wo das Feiern eingeschränkt sein muss, wird mir das besonders deutlich. Bis heute haben die meisten Feste in unserem Kalender einen religiösen Hintergrund. Die Feiern aller Religionen bringen Menschen zusammen in der Synagoge, der Kirche, der Moschee oder einem Tempel – und zurzeit auch oft auf dem Bildschirm. Zum Glück geht es auch mal so.

Der Glaube begleitet Höhen und Tiefen im Leben

Religionen und ihre Glaubensgemeinschaften sorgen für Rituale im Leben der Familien: Ein Kind, das auf die Welt kommt, wird gesegnet. Heranwachsende lernen und orientieren sich. Sie erfahren, was Sinn sein kann und Halt gibt. Man kümmert sich um die Kranken und auch die Sterbenden. Und es gibt althergebrachte Zeremonien, um die Toten zu begraben.

Geborgen sein - Trost finden

Viele Menschen fühlen ihren Glauben so: Ich bin geborgen und beschützt. So, wie Eltern ihre Kinder beschützen, fühlen sich Gläubige von Gott beschützt. Der Glaube gibt Trost. Wenn es nötig ist, auch Kraft und Mut.

Die Dorfkirche ist spirituelle Heimat

Ich erlebe es bei mir vor Ort: Wie Menschen nach Werten, Zielen und Sinn fragen und ihn finden. Manche erhoffen vom Glauben Räume ohne Angst und ohne Leistungsdruck. Wie schön, dass ihnen zum Beispiel ihre alte Dorfkirche viel bedeutet. Die für sie so etwas wie eine spirituelle Heimat wird.

Warum ich glaube

Im Blick auf meinen evangelischen Glauben ist diese Glaubens-Heimat kurzgefasst so: Am wichtigsten ist mir das Ja Gottes zu jedem Menschen und zu allen Geschöpfen. Das ist für mich die Grundlage des christlichen Glaubens. Ich werde als unverwechselbare Person wahrgenommen, mit meinen Gaben und Eigenheiten, mit Stärken und Schwächen.

Jesus von Nazareth inspiriert mich

Ich brauche dazu die Geschichten aus dem Leben von Jesus. Sie ermutigen mich zu Friedfertigkeit, zur Wahrheit, Nächstenliebe und Ehrfurcht vor dem Leben. Mir hilft das auch im Alltag, etwa bei Streit oder in Konflikten. Jesus ermutigt, zu den eigenen Fehlern zu stehen und anderen zu vergeben.

In einer Kirche finde ich Ruhe

Kirchen sind für mich ein Ort, an dem man in Ruhe gelassen wird. Eine offene Kirche als werbefreier Raum, ein Ruheort. Ich erlebe, wie befreiend es ist, in der Stille für sich etwas mit Gott zu klären. Oder in einem Gottesdienst Vergebung zugesprochen zu bekommen.

Als Pfarrerin Gesprächspartnerin

Mein Beruf als Pfarrerin hat sich verändert. Ich hoffe, ich predige nicht belehrend andere an, sondern bin vor allem Gesprächspartnerin. Was mir am besten gefällt, dass sich bei uns in der Kirche Menschen treffen aus unterschiedlichen Lebenssituationen oder Generationen und sich mit Gott verbinden.

Taufe - Konfirmation - Hochzeit - Trauergottesdienst

Ganz tief an wichtigen Stationen im persönlichen Leben, zum Beispiel, wenn ein Kind getauft wird. Bei der Konfirmation von Jugendlichen, die nun selbst für ihre Überzeugungen eintreten. Bei der Heirat zweier Liebender. Beim Abschied von einem lieben Menschen, der beerdigt wird.

Mein Glaube hilft durchs Leben - gerade jetzt

Ich kann an das erinnern, was wirklich wichtig ist. Gerade jetzt in diesen besonderen Zeiten bin ich froh, Wegbegleiterin zu sein. Auch wenn zurzeit viele Kontakte aus Vorsicht unterbleiben, so prägt der christliche Glaube das Jahr und das Leben. Diese Momente zum Innehalten oder manchmal auch zum Festhalten werden bleiben. Darum kann kein Staat Religion verbieten. Und kein Lebensstil sie komplett ersetzen. Glaube ich.

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