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"Fliegen lernen"

"Fliegen lernen"

Ein Beitrag von Sandra Matz, Pfarrerin, Evangelisches Gemeindenetz an der Nördlichen Bergstraße, Alsbach

Vor kurzem war ich in einem Naturschutzzentrum an der Bergstraße. Dort habe ich zum ersten Mal überhaupt ein Falkennest gesehen. Oben auf einem Strommast wurde es angebracht. Die Leiterin erzählte, dass Falken in der Gegend etwas Besonderes seien. Deswegen wurde dieser außergewöhnliche Horst eingerichtet.

Auf einmal konnte man ein kleines flauschiges Knäuel am Rand des Nestes erkennen. Ein kleines Falkenküken hüpfte aufgeregt am Rand des Nestes herum und wedelte mit den Ärmchen. „Was macht es denn da?“ „Es trainiert seine Flügel.“ Falken können nicht einfach so los fliegen. Sie müssen sich auf ihren ersten Flug gut vorbereiten. Die Muskeln müssen trainiert werden. So ging das wohl schon seit einigen Tagen. Doch jetzt kam der wichtige Moment. Das Falkenküken stand wie immer eine Weile am Rand des Nestes, zögerte kurz und dann auf einmal- mit einem lauten Schrei - stieß es sich in die Luft. Der kleine Falke flog zum ersten Mal in seinem Leben. Ein bewegender Moment!

Ich kenne solche Momente des Losfliegens, des Neubeginns. Bei mir selber und bei anderen. Momente, an denen wir wie an einer unsichtbaren Grenze stehen, die es zu überwinden gilt. Wo es Mut kostet, die Flügel auszubreiten. Wo wir darauf vertrauen müssen, dass uns der Wind tragen wird. Da ist zum Beispiel jemand, der bei einer neuen Arbeitsstelle anfängt. „Was erwartet mich?“, fragt er sich. „Werde ich die neuen Aufgaben schaffen? Wie sind die Kolleginnen und Kollegen?“ Die Aufregung legt sich, nachdem er den ersten Schritt getan hat und merkt: „Es geht!“

Manche Neuanfänge kommen überfallartig: Eine Frau hat lange ihren kranken Mann gepflegt. Nun ist er gestorben. Eigentlich konnte sie sich auf seinen Tod einstellen. Aber das Alleinsein überwältigt sie. Sie muss neu anfangen – und tut es. Am Anfang vorsichtig. Dann Schritt für Schritt besser.

Im Leben eines Falken gibt es den Moment des Fliegenlernens nur einmal. In unserem Leben kommt es öfter vor, dass wir an einer Grenze stehen, hinter der etwas Unbekanntes, Neues liegt. Ein kluger Mensch hat einmal gesagt: „Gott erkennen wir am Besten an den Grenzen und Übergängen des Lebens.“ Nämlich da, wo wir unsere Sicherheiten hinter uns lassen müssen. Wo wir Mut brauchen zum Loslassen und Losfliegen. In der Bibel heißt es:„Die, die sich auf Gott verlassen, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler.“ Und Gott? Der verspricht, auf beiden Seiten der Grenze bei uns zu sein.

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