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Pillen ohne Rezept
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Pillen ohne Rezept

Gudrun Olschewski
Ein Beitrag von Gudrun Olschewski, Evangelische Pfarrerin, Pfungstadt

Sonntag für Sonntag sitzt er da, auf seinem angestammten Platz, hinten links auf der vorletzten Bank in unserer Kirche. Bald feiert er seinen 92. Geburtstag, das weiß ich. In seinem schicken Anzug, den Schal keck um den Hals gebunden, geht der alte Herr gut und gerne für 80 durch. Bei Wind und Wetter macht er sich auf den Weg zum Gottesdienst, zu Fuß, versteht sich. Den Spazierstock braucht er nur ab und zu, zur Stütze eben. Darauf ist er mächtig stolz. Er wirkt zufrieden und sprüht vor Lebensfreude.

Irgendwann einmal erkundigte ich mich nach dem Geheimnis seiner Lebenskraft: „Ich nehme jeden Tag zwei Pillen ein. Die helfen mir“, antwortete er. Auf meinen fragenden Blick hin, fügt er verschmitzt hinzu: „Am Morgen nehme ich gleich nach dem Aufstehen die Pille der Zufriedenheit. Und am Abend, bevor ich schlafen gehe, nehme ich die Pille der Dankbarkeit. Diese beiden Arzneien haben die Wirkung noch nie verfehlt. Und das Beste daran ist: Die gibt‘s ohne Rezept, völlig kostenlos und ganz ohne Nebenwirkungen.“

Mit seinen fast 92 Jahren bringt es der alte Herr auf den Punkt. Medikamente, die ein Arzt mir verschreibt, damit ich wieder gesund werde und bei Kräften bleibe, gibt es zuhauf. Um leben zu können, brauche ich aber auch noch etwas anderes – etwas, was mindestens genauso wichtig ist: Ich brauche die richtige Einstellung zum Leben.

Entscheidend ist, mit welcher inneren Haltung ich den Tag verbringe oder wie ich die Dinge betrachte. Wenn ich immer nur unzufrieden bin, an allem und jedem herumnörgele und nirgendwo etwas Positives entdecke, dann mache ich mir selbst das Leben nur schwer.

Das Beispiel des 92-jährigen zeigt, die Quelle, aus der er die Kraft seines Lebens schöpft, ist zufrieden sein und dankbar sein. Mit sich selbst im Reinen zu sein und sich über jeden neuen Tag zu freuen: Für den alten Herrn ist das alles andere als selbstverständlich. Deshalb dankt er Gott, dem Schöpfer, der ihm das Leben schenkt bis heute.

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