Ihr Suchbegriff
Älter werden

Älter werden

Gudrun Olschewski
Ein Beitrag von Gudrun Olschewski, Evangelische Pfarrerin, Pfungstadt

„Das gibt’s doch nicht, jetzt hab‘ ich‘s glatt vergessen“. Etwas ratlos steht Hannelore in der Küche. Nur kurz hat sie sich umgedreht. Was sie gerade noch, in dem Augenblick davor, getan hat, weiß sie plötzlich nicht mehr. Panik kommt hoch. Hannelore ist Anfang 60, im Vorruhestand, endlich unabhängig von beruflichen und familiären Verpflichtungen. Sie sprüht vor Lebensfreude, ist sportlich aktiv und unternehmungslustig.

Aber, da gibt es auch diese anderen Momente. Kurze Augenblicke, in denen die Erinnerung für einen Herzschlag oder zwei aussetzt. Dann fürchtet Hannelore sich. Sie hat Angst, dass sich das große Vergessen ankündigt. Sekunden später, wenn sie sich umdreht, erinnert sie sich, genauso schlagartig, wie sie es zuvor vergaß: den Zucker für den frisch aufgebrühten Kaffee auf dem Tisch.

„Die Aussetzer nehmen zu“, erzählt sie mir dann. „Immer öfter vergesse ich was.“ Werde ich jetzt langsam schon dement, fragt sie sich? „Das ist schon irgendwie gespenstisch“, sagt sie.

Sie fängt an, sich wirklich Sorgen zu machen, wie dass dann wäre, ob sie ihre Würde verliert. Die Steuerung ihres Lebens. Ihre Selbstbestimmung, dass sie der Familie zunehmend eine Last wird. Dem Ehemann, der zum Krankenpfleger wird oder dem Sohn, der sich plötzlich als Betreuer der Mutter wiederfindet.

Ich versuche, sie zu beruhigen. „Nicht jede Vergesslichkeit deutet gleich auf eine Demenz hin. Auch als jüngerer Mensch vergisst man so manches und bringt Dinge manchmal ganz schön durcheinander. Nur mache ich mir selten Gedanken darüber. Wenn Sie sich wirklich Sorgen machen, ist es am besten, das mit einem Arzt zu klären.“

Aber eins weiß ich außerdem: Die Würde des Lebens hängt nicht von geistiger Stärke ab. Mein Leben bleibt letztlich unverfügbar, so sehr ich mich selbst auch darum mühe und bemühe. Deshalb vertraue ich darauf, was Gott mir in der Taufe zusagte: „Fürchte dich nicht … Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“ Und das gilt ein für allemal, selbst wenn ich es einmal vergesse.

Weitere ThemenDas könnte Sie auch interessieren