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Gab’s das nicht schon mal? Die Angst vor Überfremdung

Gab’s das nicht schon mal? Die Angst vor Überfremdung

Dr. Joachim Schmidt
Ein Beitrag von Dr. Joachim Schmidt, Evangelischer Pfarrer, Darmstadt

Niemand hatte die Fremden gerufen, aber auf einmal waren sie da. Sie waren vor Krieg und Verfolgung, Hunger und Tod geflohen. Die meisten brachten nicht mehr mit als das, was sie auf dem Leib trugen. Es waren Tausende, Hunderttausende, Millionen. Aber sie waren nicht willkommen. Viele Einheimischen reagierten mit Abwehr. Die Fremden erschienen bedrohlich. Und Wohnung und Arbeit? Hatten da nicht Einheimischen viel ältere Rechte? Das alte Nazi-Wort von der Überfremdung machte die Runde. An den Stammtischen hörte man oft: Die Fremden sollen wieder gehen.

Das alles klingt für mich beklemmend aktuell. Gerade hat die Schweiz mit knapper Mehrheit entschieden, den Zuzug von Ausländern zu begrenzen. Gegen alle Verträge mit Europa. Ich bin nicht sicher, wie eine solche Volksabstimmung bei uns ausgehen würde. Deshalb muss man daran erinnern, was sich vor siebzig Jahren bei uns in Deutschland abgespielt hat. Die Fremden damals nach dem Krieg, das waren die Flüchtlinge aus Ost- und Mitteldeutschland.

Sie haben viel Abwehr erlebt. Wenn nicht die Westmächte Einquartierungen eisern durchgesetzt hätten, wer weiß, wie die Sache ausgegangen wäre.  Aber in der Rückschau ist ganz klar, welcher Segen diese Menschen für die junge Bundesrepublik Deutschland waren. Mit ihrem Fleiß und ihrem Können haben sie dazu beigetragen, dass es allen bald besser ging.  Auch sie haben  die Grundlagen für unseren heutigen Wohlstand geschaffen.

Die Zahlen von Flüchtlingen oder nur Arbeitssuchenden heute sind mit jenen der Nachkriegszeit überhaupt nicht zu vergleichen. Aber die dumpfe Angst vor Überfremdung ist bei manchen Menschen die gleiche. Deshalb erinnere ich heute an die Erfahrungen unserer Großeltern-Generation: Fremde im eigenen Land, das sind keine Ruhestörer, sie sind vor allem eine große Chance. Und oft genug können sie ein Segen sein.

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