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Das Salz der Erde: Sebastiao Salgado

Das Salz der Erde: Sebastiao Salgado

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von Rüdiger Kohl, Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Sie haben mich damals sofort fasziniert, die Schwarzweißfotos von Sebastião Salgado, einem brasilianischen Fotografen und Foto-Reporter. Sie zeigen Menschen in Brasilien. Zum Beispiel das Foto von der jungen Frau, die ihr Baby mit einem Tuch vor ihren Körper gebunden hat. In ihren Augen sehe ich Entschlossenheit. Die rechte Faust hat sie erhoben, nicht drohend, sondern so, als wollte sie sagen: Ich lasse mich nicht unterkriegen. Ich kämpfe für eine bessere Zukunft für mein Kind. Es sind Bilder aus dem alltäglichen Leben von landlosen Kleinbauern und ihrem Kampf um Land. Wie sie trauern um die, die den Kampf mit dem Leben bezahlen mussten. Wie sie sich wehren gegen Großgrundbesitzer, korrupte Politiker und die Militärpolizei. Aus den Bildern spricht beides: Elend, aber auch Hoffnung. Hoffnung von Menschen auf einen neuen Anfang. Auf ein menschenwürdiges Leben.

Nun hat der deutsche Filmemacher Wim Wenders einen Film über das Leben von Sebastião Salgado gedreht.  Er heißt „Das Salz der Erde“. Der Titel passt gut, denn zum einen heißt Salgado auf Deutsch „salzig“. Und zum anderen interpretiert das Werk des Fotografen den biblischen Satz „Ihr seid das Salz der Erde“. Salz der Erde zu sein: Das ist Sebastião Salgados Mission. Viele Jahre lang war er in Kriegs- und Krisengebieten unterwegs, hat den verzweifelten Kampf der Menschen ums Überleben in den Fokus gerückt.

„Ihr seid das Salz der Erde.“ Jesus hat das gesagt. In der Bergpredigt hat er vom Reich Gottes erzählt, von einer neuen Wirklichkeit, in der Gerechtigkeit herrscht. Hat die Menschen erinnert: Gott steht auf der Seite derer, die für Gerechtigkeit eintreten. Hat sie ermutigt, sich einzumischen in die Welt. Den Finger in Wunden zu legen. Zeugnis abzulegen von ihrer Hoffnung. Der Welt so ihren Geschmack von Gerechtigkeit zu geben. Salz der Erde zu sein.

Doch Jesus wusste auch: Wer Mitleid mit geschundenen Menschen empfindet, wer wütend wird angesichts von Grausamkeiten, läuft Gefahr, zu resignieren. Den Glauben an eine Veränderung zum Guten zu verlieren. Deshalb fragte Jesus: „Wenn aber das Salz seine Kraft verliert, wodurch kann es sie wiederbekommen?“ Sebastião Salgado ist es so ergangen: Er verlor seine Kraft. Er sagt: „Ich habe den Glauben an die Menschen verloren. Ich habe zu viel Elend und Brutalität gesehen, begann selbst zu sterben, weil ich zu viel Tod gesehen habe.“ Deshalb hat er in den letzten zehn Jahren keine Menschen im Elend mehr fotografiert.

„Wenn aber das Salz seine Kraft verliert, wodurch kann es sie wiederbekommen?“  Salgado hat wieder Kraft gewonnen. Er hat gemerkt: Jetzt ist etwas anderes für mich dran. Ich richte einen anderen Blick auf die Welt. Er entdeckte andere Wege, für Veränderung einzutreten, auch abseits der Fotografie: Die Farm seines Vaters in Brasilien war zur Steppe geworden. Er ließ sie wiederaufforsten. Mit viel Geduld und Geld gelang die Wiederherstellung eines Paradieses. Dort, wo nichts mehr wuchs, erblüht neues Leben.

Für seine aktuelle Ausstellung fotografierte er die unfassbare Schönheit der Schöpfung in vielen Winkeln der Erde: Flüsse, Meere, Eisberge, unberührte Natur. Sie heißt „Genesis“, so wie das erste Buch der Bibel, in der die Schöpfung erzählt wird. Die Menschen daran zu erinnern, wie schön die Welt sein kann: Auch so kann es gelingen, Salz der Erde zu sein.

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