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Sein Geist tritt für uns ein

Sein Geist tritt für uns ein

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von Rüdiger Kohl, Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Manchmal verschlägt das Leben einem die Sprache. Wie bei dieser Frau im mittleren Alter, ihre Kleidung abgenutzt. Sie steht vor der Tür des Gemeindezentrums. Bittet um ein Gespräch. Ich habe sie noch nie vorher gesehen. Ich dachte mir sofort: Sie wird um Geld bitten. Als wir dann an einem Tisch sitzen, seufzt sie. Vielleicht um die Peinlichkeit des Augenblicks zu überspielen. Sie sagt nicht viel. Erzählt in dürren Worten von den Tiefschlägen in ihrem Leben. Und von ihren Zweifeln. Von ihrem verloren gegangenen Gottvertrauen. „Manchmal gehe ich in die Kirche. Aber ich kann die Lieder nicht mehr mitsingen. Ich fühle mich so schwach. Ich kann nicht mehr beten. Nicht laut, nicht leise.“

Vor rund 2000 Jahren hat der Apostel Paulus mit Menschen Erfahrungen gemacht, die auch in dieser Situation waren. Die sich von Gott weit entfernt gefühlt haben. Die Gott suchten, ihn aber nicht finden konnten. Sie hatte er vor Augen, als er einen Brief an die Gemeinde in Rom gesandt hat. Darin schreibt er: „Wir sind schwache Menschen und oft unfähig, unsere Bitten in der richtigen Weise vor Gott zu bringen. Deshalb tritt sein Geist für uns ein mit einem Seufzen, das sich nicht in Worte fassen lässt.“

Paulus kannte das.  Er kannte Menschen, die keine Kraft zum Beten haben oder es verlernt haben. Durch Beziehungen, die zerbrochen sind. Durch Krankheiten , vielleicht auch einen Unfall. Oder die über Not und Gewalt in der Welt hoffnungslos geworden sind. Paulus hat sogar geschrieben: Im Grunde wartet die ganze Schöpfung auf Erlösung. Also nicht nur die Menschen, sondern die Tiere, die ganze Natur warten. Sie alle sehnen sich nach Sprache für ihre Not, kriegen sie aber nicht zu fassen. Paulus ist überzeugt: Der Geist Gottes hilft denen, die zu schwach sind zum Beten. Die keine Worte mehr haben. Die nur noch seufzen können. Die meinen, dass ihnen der Geist fehlt, sie weit weg sind von Gott.

Um so ein Schweigen zu erfahren, muss man tief unten angekommen sein. Der Regisseur Christof Schlingensief war dort unten. In seinem Buch „So schön wie hier kann’s im Himmel gar nicht sein“ beschreibt er sein Leben mit der Krankheit Lungenkrebs. Er schreibt:

„Heute aber ist die Angst gelandet. Bin ein wenig in der Stimmung, die ich vor ein paar Tagen in der Kapelle erlebt habe. Da habe ich geredet, ganz leise vor mich hin geredet, obwohl niemand anderes da war. Habe gefragt, wie ich wieder Kontakt herstellen kann und wie ich begreifen kann, dass das jetzt Bestandteil vom Leben ist. Und ich habe mich dafür entschuldigt, dass ich mir dabei schon wieder selbst zugehört habe. Nach einer Zeit hat mir jemand einfach die Stimme abgeschaltet. Ich bin ganz still geworden und habe hochgeguckt, da hing das Kreuz, und in dem Moment hatte ich ein warmes, wunderbares, wohliges Gefühl. Ich war plötzlich jemand, der sagt: Halt einfach die Klappe, sei still, es ist gut, es ist gut.“

So ungefähr, wie Schlingensief beschreibt, stelle ich mir das vor, wenn der Geist unserer Schwachheit aufhilft. Wenn wir nichts reden. Und trotzdem nicht stumm bleiben. Sondern still werden. Offen für den Geist Gottes, der uns hilft. Das wünsche ich auch der Frau, die mich aufgesucht hat. Ich hab‘ ihr gesagt: „Ich glaube, Ihr Schweigen ist so etwas wie ein stummes Gebet. Vielleicht können Sie eines Tages wieder spüren: Es ist gut. Der Kontakt ist wieder da. Auch ohne viele Worte.“

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