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Ich habe dir Honig mitgebracht!
Bild: Pollydot auf Pixabay

Ich habe dir Honig mitgebracht!

Ein Beitrag von Frank Fornacon, Pastor evangelische Freikirche

„Ich habe dir Honig mitgebracht!“ So begrüßt mich die Schwiegertochter meines Onkels bei dessen Beerdigung. „Von unseren eigenen Bienenvölkern“, ergänzt sie. Mit der Imkerin aus der entfernten Verwandtschaft hatte ich bisher nur wenig zu tun gehabt. Aber ich freue mich über Honig. Ich mag den sämigen Geschmack auf dem Frühstücksbrötchen. Doch warum bekomme ich anlässlich einer Beerdigung Honig geschenkt? Ich frage nach und staune über die Antwort.

Mein Onkel war kein besonders frommer Mann. Seine Eltern waren gläubige Christen. Sie waren an jedem Sonntag in der Kirche zu finden. Aber ihr Sohn konnte wohl mit dem Glauben nicht viel anfangen. -Später hielt er nur eher lockeren Kontakt zu Eltern und Geschwistern, die es in eine ganz andere Ecker Deutschlands verschlagen hatte. (nach meinem Gefühl wertet die Beschreibung „verlorener Sohn“ zu stark) Bei den seltenen Gelegenheiten des Wiedersehens, bei Beerdigungen, 75.Geburtstagen, bei der einen oder anderen Hochzeit sprach man über alles Mögliche. Aber von Religion war nie die Rede.

Später ergab es sich, dass ich nicht allzu weit von ihm wohnte und ihn im Pflegeheim besuchte. Es war ein freundlicher Spätherbstnachmittag. Die tiefstehende Sonne schaute ins Zimmer. Wir scherzten ein wenig, auch wenn es dem fast 80jährigen nicht gut ging. Bevor ich ging, überlegte ich kurz, wie ich mich verabschieden sollte. Als Neffe mit einem Tschüss oder als Pastor mit einem Gebet? Ich wollte es ihm überlassen und  fragte ihn, was ihm wohl wichtig wäre. „Bete mal!“, meinte er. Ich bat Gott, dass er seinen Frieden gibt und Besserung dazu. „Amen!“, sagte ich „Amen!“, sagte auch mein Onkel, dann hieß es doch: „Und Tschüss“.

Ein paar Monate später war ich wieder in der Gegend. Ich hatte beruflich dort zu tun und war nicht allein unterwegs. Also fiel der Besuch kürzer aus. Ich war in Eile und verabschiedete mich recht hektisch. Als ich schon fast aus der Tür war, meinte der alte Ostpreuße: „Warte mal, Jungchen“. Ich blieb mit der Klinke in der Hand stehen. „Du musst noch mit mir beten!“

Nun gut, ich betete wieder um Frieden für meinen alten, scheinbar wenig frommen Onkel. Es war das letzte Mal, dass wir uns sahen. Und nun bekam ich Honig auf dem Friedhof und eine Antwort auf meinen fragenden Blick: „Mein Schwiegervater hat mich damals nach deinem Besuch sofort angerufen und ganz aufgeregt erzählt, dass du für ihn gebetet hast. Das hätte ihm so gut getan. Er musste das unbedingt loswerden. Du hast ihm einen großen Gefallen getan. Daher der Honig.“

Mein Onkel, seine Schwiegertochter und ich, wir hatten nicht viel miteinander zu tun, aber wir teilten doch offenbar etwas Besonderes: das Wissen, wie gut es tut, wenn wir um Gottes Segen bitten. Als Pastor bete ich oft mit Menschen. Selten war ich so berührt, wie ein Gebet wirkt,  wie damals. Selten hat mir etwas auf dem Frühstücksbrötchen so geschmeckt wie dieser Friedhofshonig.

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