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Mit ganzem Herzen bei der Sache
Elisabethkirche in Marburg / Foto von Hydro bei Wikipedia, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31615564

Mit ganzem Herzen bei der Sache

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von Dr. Ulf Häbel, Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

Mit Studienfreunden habe ich mich in Marburg getroffen. Vor vielen Jahren haben wir in dieser schönen Stadt an der Lahn studiert. Wir gingen wie damals, allerdings nicht mehr ganz so schnell, durch die Stadt, die engen Gassen mit ihren malerischen Fachwerkhäusern, das Schloss auf dem Berg, die mächtige Elisabethkirche im Tal. Das war uns allen vertraut. An der imposanten Kirche hörten wir wie ein Stadtführer einer Gruppe Jugendlicher etwas über die Entstehung und die Baugeschichte erzählt hat. Von damals, dem dreizehnten Jahrhundert, in dem die Elisabethkirche erbaut worden ist, sei eine interessante Begebenheit überliefert; so sagte er.

Ein Steinmetz hätte an einem großen Brocken des roten Sandsteins, aus dem die Kirche gebaut ist, gearbeitet. Mit großer Hingabe hätte er das getan. Und jemand, der ihm dabei zugeschaut hat, hätte schließlich gefragt, was der Steinmetz da macht. Und der hat ihm erklärt, dass er an dem Schlussstein, der ganz oben den Turm abschließen wird arbeitet. Und dieser Stein soll eben besonders schön werden. „Wenn der ganz oben hinkommt“ – die Türme der Elisabethkirche sind über hundert Meter hoch – „dann sieht das doch von unten keiner“, sagte der Zuschauer. „Aber der von oben sieht’s“, erwiderte der Steinmetz.

Ich weiß nicht, ob die Jugendlichen, denen der Stadtführer diese Geschichte erzählt hat, viel damit anfangen konnten. Ich konnte es schon. Die Hingabe und die innere Beteiligung, mit der jener Steinhauer an seiner Arbeit war, die hat mir gefallen. Und selbst wenn er weiß, dass sein kleiner Beitrag zum großen Werk der mächtigen Kirche hinterher kaum noch auffallen wird; er war daran beteiligt. Selbst wenn Menschen mit ihren Augen das nicht mehr sehen. Gott sieht es doch.

Dieser Glaube, dass Gott sieht was ich tue und wer ich bin, bewirkt die Hingabe und innere Zuwendung zu meiner Arbeit, die menschlich betrachtet manchmal bedeutungslos erscheint. Es ist ein Unterschied, ob ich meine Tätigkeit nur als Job ansehe, mit dem ich mein Geld verdiene oder ob ich darin einen Beruf sehe. Martin Luther hat das einmal so gesagt: Jeder Beruf sei eine Berufung. Gott habe jeden an seine Stelle berufen – den Priester, den Bauern, die Mutter, den Soldat. Und deshalb soll jeder seinen Beruf mit innerer Beteiligung, mit Hingabe und in der Verantwortung vor Gott ausüben.

Freilich gibt es da auch Unterschiede. In meinem Beruf als Pfarrer bin ich mit meinem Herzen viel mehr dabei als in der Zeit, als ich in der Fabrik am Fließband gearbeitet habe. Menschen zu pflegen ist etwas anderes als stundenlang am Bildschirm zu sitzen. Wer Kinder aufzieht ist in anderer Weise am Leben beteiligt als jemand, der den ganzen Tag Auto fahren muss. Und doch finde ich dieses Bewusstsein gut: Alles, was ich tue ist nicht unnütz, selbst wenn es kaum jemand beachtet. Die Hingabe, ich könnte auch sagen: Die Liebe, mit der jener Steinmetz einen kleinen Stein für die große Kirche formte, ist ein Wert für sich. Ich danke dir Gott – heißt es an einer Stelle der Bibel – dass du mit deinen Augen gnädig auf mich siehst.

Der Glaube, dass Gott sieht was ich tue, selbst wenn es die Menschen nicht sehen, stärkt das Selbstbewusstsein und eigene Wertgefühl.

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