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Ich mag die Alten

Ich mag die Alten

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von Dr. Ulf Häbel, Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

Wie gut, dass es den Adam gibt. Das war eine gängige Redewendung in unserem Dorf. Adam ist ein fünfundachtzig jähriger Mann. Er hat überall geholfen, wo es nötig war. Auch mir hat er bei meiner kleiner Landwirtschaft geholfen, die ich nebenher betreibe. Er konnte das alles – Säen im Frühling, Heumachen im Sommer, Kartoffelernte und Pflügen im Herbst. Adam war mein bester landwirtschaftlicher Mitarbeiter, mein „Knecht“ wie er sich selber humorvoll nannte. Nun hat er einen Schlaganfall erlitten; er kann nur noch auf der Bank vor seinem Haus sitzen und nicht mehr helfen. Und das tut ihm weh.

Als ich kürzlich neben ihm auf seiner Bank saß und wir die warme Herbstsonne genossen haben, sagte ich: Seit der Adam nicht mehr kann, ist alles Murks. Er hat genickt und dazu gelacht. In seinem Lachen lag irgendwie etwas Fröhliches, eine gewisse Heiterkeit, Einverständnis mit dem, was ist. Wir haben uns dann erinnert: auf welchem Acker wir zusammen Rüben gesät und Kartoffeln gesetzt haben; wie wir das Heu noch kurz vor dem Gewitter in die Scheune gebracht haben. Adam, dem ich für seine jahrelange Hilfe sehr dankbar bin – das weiß er auch – ist für mich wie ein Sinnbild für das Älterwerden im Dorf.

In meinem Dorf gibt es ungefähr zweihundert alte Menschen. Alle haben ihre Lebenserfahrungen und Fähigkeiten. Man wird ja mit seiner Verrentung nicht hilflos und doof. Wer seine Fähigkeiten ins Dorf einbringt, hilft damit nicht nur anderen Menschen. Er macht sich selbst damit glücklich. Denn er ist am Leben beteiligt, begegnet anderen und tut etwas mit ihnen zusammen. Das gemeinsame Tun verbindet. Das gilt besonders im Alter. Nichts ist schlimmer für einen alten Menschen als Rückzug und Einsamkeit. Einsame Alte verbittern, weil sie sich überflüssig vorkommen, unnütz sind wie man es im Vogelsberg ausdrückt.

Wer sich einbringt, ist am Leben beteiligt. Das tut jedem gut und das hilft auch den anderen. Im Dorf brauchen wir gerade die Alten. Sie sind tagsüber da, wenn irgendwelche Ämter zur Ortsbesichtigung kommen und Auskunft brauchen. Die rüstigen Rentner packen an, wenn das Dorfgemeinschaftshaus renoviert werden soll oder der Friedhof gepflegt werden muss. In den Vorständen der Vereine betätigen sich fast nur alte Leute. Die Jungen sind tagsüber weg – wegen der Arbeit.

Wie gut, dass es den Adam gibt; wie gut dass wir die alten Menschen im Dorf haben, die sich einbringen, mitmachen und dadurch hier daheim sind. Auch dann, wenn die körperliche Kraft zum Arbeiten nicht mehr reicht, gibt es Möglichkeiten sich zu beteiligen, zum Mitmachen. Montagvormittag treffe ich mich mit alten Menschen. Wir machen eine Stunde lang Tanzen im Sitzen, Gymnastik, Gedächtnistraining. Die meisten kommen mit Rollator, andere müssen gebracht werden. Wir treffen uns in der Dorfschule, wenn die Kinder Unterricht oder Pause haben. So begegnen sich Alte und Kinder. Und das ist gut.

Einmal war eine Schulklasse bei uns Alten zu Gast. Die Kinder wollten wissen wie es im Krieg und in der Nachkriegszeit war. Das war gerade Thema im Geschichtsunterricht. Von dieser Zeit konnten die Alten authentisch erzählen; sie haben diese Zeit ja erlebt und die Kinder hörten aufmerksam zu. Es war wunderbare Begegnung zwischen den Generationen. Die Alten waren glücklich. Und bei den Kindern habe ich so etwas gespürt wie Ehrfurcht vor dem Alter. Und es war gut.

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