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Sarah - ein ganz besonderer Mensch

Sarah - ein ganz besonderer Mensch

Ein Beitrag von Frank Fornacon, Pastor evangelische Freikirche

Sarah ist um die vierzig, und wer sie sieht, der merkt gleich, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Ihre Bewegungen sind nicht ganz so flüssig. Das liegt nicht nur an vielen Pfunden, die sie mit sich herumträgt. Die Tabletten, die sie morgens zum Frühstück nimmt, lassen sie träge werden. Aber wenn sie die Pillen wegließe, dann käme die Angst zurück. Ich kenne nicht den Namen von Sarahs Krankheit, aber ich weiß, wie bedrohlich es für sie ist, wenn sie die Medikamente nicht nimmt. Dann ist sie nicht nur müde, sondern lebensmüde oder panisch.

Dass Sarah ihre Medikamente nimmt, dafür sorgen die Mitbewohner ihrer Wohngemeinschaft. Jeder hier hat ein anderes psychisches Handicap. Angeleitet von einer Therapeutin, die zweimal in der Woche vorbeischaut, achten alle aufeinander. Wie gut, dass es Einrichtungen gibt, in denen Leute wie Sarah fachlich gut begleitet leben können.

Wenn Sarah morgens aufsteht, weiß sie, dass jemand auf sie wartet. In der Werkstatt der Diakonie rechnet ihr Chef mit ihr. Die Arbeit muss erledigt werden, die ein großer Automobilzulieferer in Auftrag gegeben hat. Sarah ist Teil eines Teams. Sie wird die anderen in ihrer Abteilung nicht hängen lassen. Aber wenn sie ihre Psychoattacken bekommt, dann ist auch in der Werkstatt jemand da, der sie berät: „Geh nach Hause, oder mach eine Pause“. Niemand wird überfordert.

Am Abend ist Sarah dann in ihrer Kirchengemeinde zu finden. „Man muss doch unter Leute gehen“, meint sie. In der Gemeinde kennt man sich, jeder weiß um die besondere Situation des anderen. Jeder hat hier seinen Platz und eine Aufgabe. Sarahs Platz ist im Café-Team. Sie sorgt dafür, dass der Kühlschrank stets gefüllt ist, wenn das Café seine Pforten öffnet. Die anderen können sich auf sie verlassen. Und wenn es Sarah nicht gut geht, dann ruft sie an und meldet sich ab.

Manchmal ist es anstrengend mit Sarah. Sie findet nicht immer das richtige Maß und weiß manchmal auch nicht, wieviel Distanz oder Nähe die anderen brauchen. Das gehört zu ihrem Krankheitsbild und die anderen in der Gemeinde nehmen darauf Rücksicht. Einige haben Sarahs Vertrauen und können ihr sagen, wenn sie in ein Fettnäpfchen getreten ist. Das darf sich nicht jeder herausnehmen.

Als Sarahs Mutter plötzlich starb, die einzige nahe Angehörige, wurde auf einmal klar: Jetzt ist die Kirchengemeinde noch viel wichtiger als bisher. Sie bildet den Rahmen, in dem man einander vertraut und kennt. Die Gemeinde ist ein Zuhause. Es dreht sich nicht alles um Sarah, aber sie hat hier ihren Platz. Und wenn manchmal Not am Mann ist, dann meldet sie sich: „Ich bin dabei. Ich kann helfen“.

Es gibt Zeiten, da braucht Sarah mehr Abstand. Dann werden ihr die anderen zu viel. Sie kommt nicht zum Gottesdienst. Wenn sie dann nach Wochen wieder da ist, freuen sich viele und niemand macht ihr Vorwürfe. Das Maß an Nähe und Distanz darf jeder selbst bestimmen.

Wie sehr Sarah ihren Platz in der Gemeinde ausfüllt, zeigte sich, als eine Studentin getauft wurde. Diese erzählte, dass Sarah sie dazu bewegt hat, Kontakt zur Kirche zu suchen und sich schließlich taufen zu lassen. Sarah hat unverkrampft und ohne Hintergedanken jeden Gottesdienstbesucher begrüßt und gezeigt: Wie schön, dass Du da bist. Die Taufe der Studentin wurde ein Fest der ganzen Gemeinde und Sarah war stolz, dazu zu gehören. Ohne sie wäre die Welt ärmer.

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