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150. Jahrestag der Genfer Konvention

150. Jahrestag der Genfer Konvention

Ein Beitrag von Prof. Dr. Ilona Nord, Evangelische Pfarrerin und Professorin für Religionspädagogik, Würzburg

Wir leben in kriegerischen Zeiten. Mal wieder und aktuell irgendwie auch heftiger als bislang. In Afghanistan, im Irak, in Syrien, in Israel und Palästina, im Sudan, in der Ukraine – es wird getötet und gestorben, als wäre nicht längst klar, dass politische Lösungen auf diesem Wege nicht erreicht werden können.

Und zu allen Zeiten gab und gibt es Menschen, die über die Grausamkeit militärischer Einsätze entsetzt sind. Sie versuchen, das Leiden der Opfer zu lindern. Einer von ihnen war der Genfer Geschäftsmann Henri Dunant. Nachdem er 1859 eine Schlacht zwischen Österreich und Sardinien in Norditalien hautnah miterlebt hatte, hat er Vorschläge gemacht, wie den Verwundeten und Kranken im Krieg besser geholfen werden kann. In dieser berühmten Schlacht von Solferino südlich vom Gardasee waren 30.000 Soldaten getötet oder verwundet worden. Was Dunant forderte, mündete in die Gründung des „Internationalen Komitees vom Roten Kreuz“.

Aber mehr noch: Aufgrund der Vorschläge Dunants gab es in Genf eine diplomatische Konferenz, an der zunächst zwölf europäische Staaten beteiligt waren. Und heute vor 150 Jahren, also am 22. August 1864, hat diese Konferenz die „Genfer Konvention“ beschlossen.

Das hat nun aber nicht bedeutet, dass es danach weniger Kriege gegeben hat. Schon sechs Jahre später, 1870/71, sind Zigtausende Soldaten im deutsch-französischen Krieg gestorben. Manche Historiker meinen sogar: Die Genfer Konvention und die Versorgung der Verwundeten eines Krieges durch das Rote Kreuz haben dazu geführt, dass Kriege von der Mehrheit der Bevölkerung nun erst recht bejaht wurden. Man wusste die Männer an der Front ja immerhin versorgt, wenn sie verwundet werden sollten!

Henri Dunant aber wollte mehr. Ihm ging es um dauerhaften Frieden. Und um die Ächtung des Krieges. Er sagte: „Wenn der vereinzelte Mord mit Recht …verdammt wird, um wieviel mehr müsste … die …  Organisation des Totschlages, die der Krieg darstellt, verdammt sein.“

Der Militarismus und die Brutalität, mit der sich Staaten gegenseitig bekämpften, waren für Dunant im Übrigen typisch männliche Verhaltensweisen. Er kam schließlich zu der Überzeugung, dass Frauen eher in der Lage wären, Konflikte friedlich zu lösen und eine friedliche Welt zu schaffen. Dunant hat sich auch deswegen für die Gleichberechtigung der Frauen eingesetzt.

Es hat manche Überlegungen gegeben, was Dunant die Kraft gab, sich sein ganzes Leben lang für den Frieden  einzusetzen. Natürlich sind es die traumatischen Erlebnisse der Kämpfe von Solferino gewesen.

Aber vielleicht ist sein Mitleid für die verwundeten und hilflosen Soldaten auch darin begründet, dass er sich als ein Jünger Jesu gesehen hat. In einem Brief an einen Freund schreibt er, dass er, so wörtlich, wie ein „Jünger Christi“ beerdigt werden möchte, ohne große Zeremonien. Henri Dunant kam es auf die christliche Haltung an. Es kam ihm darauf an, was man im Geist Jesu tut. Und das hatte für ihn mit energischer Arbeit für den Frieden zu tun. Eine mehr als aktuelle Einstellung.

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