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Das Bett

Das Bett

Ein Beitrag von Prof. Dr. Ilona Nord, Evangelische Pfarrerin und Professorin für Religionspädagogik, Würzburg

Früher, in mittelalterlicher Zeit, war die Küche und besonders der Herd das Zentrum einer Wohnung oder eines Hauses. In der Moderne ist es das Bett. Dieser Meinung war jedenfalls Otto Friedrich Bollnow, Tübinger Philosoph und einer, der sich im zwanzigsten Jahrhundert damit auseinandersetzt hat, was dem Menschen Räume bedeuten.

Der Flur einer Wohnung ist die Schwelle von draußen nach drinnen, hier werden die Gäste empfangen, die Mäntel abgelegt, manchmal auch die Schuhe. Das Wohnzimmer ist offen für alle, die Familienangehörigen, aber auch die Freunde und Freundinnen, die ferneren Bekannten sowie fremde Personen. Das Schlafzimmer hingegen ist meistens nicht so öffentlich zugänglich; morgens ist es der Raum, in dem man aufwacht, sich besinnt und den Tag bewusst beginnt, abends ist es der sichere Ort. Bollnow schrieb auch noch: „Der Mensch wird in einem Bett geboren und gewöhnlich stirbt der Mensch in einem Bett.“

Das gilt wohl heute nicht mehr so generell, obwohl viele Menschen ihren Lebensanfang wahrscheinlich im Bett gehabt haben und sich vermutlich auch viele Menschen wünschen, ihr Lebensende in ihrem Bett verbringen zu können. Das Wort vom Sterbebett klingt zwar altertümlich, aber es steckt doch viel Lebenserfahrung in ihm. Und schließlich ist das Einschlafen abends im Bett ja auch ein Loslassen vom Tag, so etwas wie ein kleiner Abschied auf dem Weg zum großen Abschied vom Leben. Die Rede vom Sterbebett leuchtet mir voll ein. Dahinter verblasst das Bild vom Bett als Geburtsort leider ziemlich.

Aus christlicher Perspektive müsste dies allerdings gar nicht so sein. Martin Luther hat in seiner Predigt über die Vorbereitung zum Sterben nämlich gesagt, dass das Sterben im Grunde ein Geborenwerden ist. Er schreibt über das Sterben wie über eine Geburt. Deshalb möchte ich gern aus diesem alten Text von 1529 ein paar Zeilen vorlesen: „Und hier hebt an die enge Pforte, der schmale Steig zum Leben,… er ist wohl sehr enge, er ist aber nicht lang und es geht hier zu, gleichwie ein Kind aus der kleinen Wohnung, seiner Mutter Leib, mit Gefahr und Ängsten geboren wird in diesen weiten Himmel und Erden, das ist auf diese Welt. So geht der Mensch durch die enge Pforten des Todes aus diesem Leben. Und wiewohl der Himmel und die Welt, darin wir jetzt leben, groß und weit angesehen wird, so ist es doch alles gegen den zukünftigen Himmel viel enger und kleiner, denn der Mutter Leib gegen diesen Himmel ist.“

Für Martin Luther kommt, wer stirbt, hinein in einen neuen Himmel und in eine neue Erde. Man kommt in eine große neue Welt, von der man noch so gar nichts weiß. Aber es könnte dort schön sein; jedenfalls könnte man sich das vorstellen, wenn man es hier auf dieser Welt auch einigermaßen schön finden kann. Und auch schon früher haben die Menschen nicht mit wunderschönen Bildern gespart, wenn es darum ging, den neuen Himmel und die neue Erde auszumalen. Im himmlischen Jerusalem zum Beispiel, da wird kein Leid mehr sein und kein Geschrei.

Es gibt Sterbebetten und es gibt Betten, in denen man geboren wird. Man nennt sie nicht Geburtsbetten und auch nicht Gebärbetten. Das klingt alles komisch. Wahrscheinlich muss man die Betten, in denen geboren wird, ganz anders nennen: Für mich sind das die Himmelbetten.

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