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Lola rennt
Bild: skeeze auf pixabay

Lola rennt

Charlotte von Winterfeld
Ein Beitrag von Charlotte von Winterfeld, Evangelische Pfarrerin, Frankfurt

Lola ist eine junge Frau und lebt mitten in Berlin. Manni, ihr Freund, jobbt als Geld-Kurier für einen Autoschieber. Eines Tages ruft Manni Lola aufgeregt aus einer Telefonzelle an. Er hat eine Tüte mit 100.000 Mark in der U-Bahn liegen lassen, weil er vor Kontrolleuren geflohen ist. Noch zwanzig Minuten, dann kommt sein Auftraggeber, um das Geld abzuholen. Zwanzig Minuten Zeit für Lola, um die Situation zu retten. Ihr Vater ist Bankdirektor. Dort will sie Geld holen. Sie rennt los. Jede Sekunde ist wichtig. Im Treppenhaus trifft sie einen Punk mit seinem Hund. Sie ist abgelenkt. Deshalb prallt sie draußen mit einer Frau mit Kinderwagen zusammen.

So beginnt der Film „Lola rennt“. Vor fünfzehn Jahren war er in den Kinos. Die Hauptrolle spielt Franka Potente, die heute ihren 40.Geburtstag feiert. Der Zuschauer verfolgt im Film drei Mal, wie Lola durch die Stadt rennt und versucht, das Geld zu beschaffen. Drei  Möglichkeiten, wie es gewesen sein könnte. Was sich ändert, sind kleine Details.

Beim zweiten Lauf zum Beispiel stellt der Punk im Treppenhaus Lola ein Bein. Sie stürzt und muss jetzt humpelnd weiterrennen. Beim dritten Lauf springt Lola geschickt über den Punk drüber und ist ein bisschen schneller. Dreimal geht die Geschichte anders aus. Zuerst wird Lola aus Versehen durch einen Polizisten getötet, beim zweiten Lauf wird Manni von einem Rettungswagen überfahren, beim dritten Lauf klappt die Geldübergabe rechtzeitig. Der Film ist atemlos und staccato-artig. Ich habe richtig mitgefiebert. Vor allem habe ich über Zeit und Zufälle nachgedacht. Und darüber, wie wichtig der einzelne Moment ist.

Die Gegenwart auskosten, jeden einzelnen Moment ernst nehmen, für mich hat das auch etwas mit Gott zu tun. Besonders gut bringt das der Dichter Andreas Gryphius aus dem 17.Jahrhundert zum Ausdruck. Er hat in seiner Zeit unglaublich viel Leid durch Krieg erlebt. Die Schatten der Vergangenheit und die Sorgen vor der Zukunft legt er in Gottes Hände. Die Vergangenheit kann er nicht zurückdrehen. Ihre Wunden muss Gott heilen. Was in der Zukunft auf ihn zukommt, kann er nur begrenzt beeinflussen. Andreas Gryphius versucht ganz im Hier und Jetzt zu leben. Und dabei steht Gott an seiner Seite. Ich habe den Eindruck: Das befreit von Ballast. Nicht den Erinnerungen verhaftet sein. Nicht zu viel Angst haben vor dem, was kommt. Sondern jetzt und hier ganz da sein. Das möchte ich lernen. Andreas Gryphius schreibt:

Mein sind die Jahre nicht, die mir die Zeit genommen.
Mein sind die Jahre nicht, die etwa möchten kommen.
Der Augenblick ist mein, und nehm‘ ich den in Acht,
so ist der mein, der Jahr‘ und Ewigkeit gemacht.

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