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Beheimatung durch Beteiligung

Beheimatung durch Beteiligung

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von Dr. Ulf Häbel, Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

Wohnst du immer noch in diesem Dorf? So hat mich bei einem Klassentreffen ein früherer Freund gefragt. Vor mehr als fünfzig Jahren waren wir zusammen zur Schule gegangen. Fünfzig Jahre Abitur war der Anlass, sich wieder einmal zu treffen. Mein Klassenkamerad wusste, dass ich vor einigen Jahren mit meiner Familie in ein Dorf im Vogelsberg gezogen war. Er könnte sich nicht vorstellen, in so einem Kaff zu leben, wie er es nannte. Da gibt’s doch kein Kino, kein Schwimmbad, kein Theater, nicht einmal einen Einkaufsladen oder Supermarkt. Das stimmt. Vieles, was zum alltäglichen Leben gehört, fehlt  im Dorf.

Aber dafür kenne ich alle Leute und die kennen mich. Ich weiß, was jemand kann und bei wem ich Hilfe finde, wenn im Haus etwas repariert werden muss oder ein kompliziertes Formular nicht auszufüllen ist. Wir wissen, was Nachbarschaftshilfe ist. Das ist im Dorf kein leeres Wort. Früher, sagen die alten Leute, hätte das noch besser geklappt. Da musste jeder jedem helfen Niemand hat damals die Heuernte alleine bewältigt oder Kartoffeln und Rüben vor dem Winter aus der Erde gebracht. Da brauchte man viele Helfer. Heute muss man die Hilfe organisieren, Menschen dazu einladen und sie motivieren. Und manchmal klappt es gut, manchmal auch nicht

In unserem Dorf stehen mehrere Häuser leer. Zwei davon bauen wir zu einem Haus der Begegnung aus. Darin soll ein Dorfladen sein, ein Café, ein paar altersgerechte Wohnungen, eine Tagespflege, wo alte und hilfsbedürftige Menschen aus dem Dorf Unterstützung finden, zusammen kochen und essen und schwätzen können.

Soviel wir können, arbeiten wir bei dem Bau selbst, rüstige Rentner und freiwillige Helfer. Schon wegen der Kosten ist viel Eigenleistung nötig. Doch es geht nicht nur um die Kosten und das Geld. Das Beste daran ist, dass es uns Spaß macht, gemeinsam Hand anzulegen, zusammen etwas Gutes zu machen. Dorfschmiede nennen wir dieses Haus der Begegnung. Das hat seinen Grund Denn in dem einen Teil des Gebäudes ist tatsächlich früher die Schmiede des Dorfes gewesen. Und wir sagen damit aber auch, dass wir das Dorf neu formen und schmieden wollen –zu einer Gemeinschaft, in der jeder gut aufgehoben ist, sich daheim fühlt und seinen Platz hat.

Beheimatung kommt nicht durch Komfort, also wo man alles vorfindet oder hat, sondern durch Beteiligung. Das Gefühl „Hier bin ich daheim“ entsteht schneller und leichter, wenn ich mitmache und mich in eine Gemeinschaft einbringe. Wer das nicht vermag, gehört trotzdem dazu.

In der Bibel gibt es dafür einen Tipp. Da steht: "Suchet der Stadt Bestes." Martin Luther hat das so übersetzt. Wörtlich steht dort: "Sucht in eurem Lebensraum das Gute, das alle verbindet." Es heißt nicht: "Fordert alles, was ihr gut findet und haben wollt." Viel zu oft wird doch von der Dorfgemeinschaft, von der Stadt gefordert, was sie alles vorhalten oder bieten soll.

Suchet der Stadt, des Dorfes Bestes heißt: Bring dich da ein wo du es kannst, mach dich auf die Suche nach dem, was für alle gut ist. In der Bibel geht es so weiter: Wenn es der Stadt, dem Dorf gut geht, dann geht’s auch den Bürgern gut, dann fühlen sie sich dort daheim. Es stimmt: Beheimatung in unserem Dorf kommt durch Beteiligung. So schmieden wir das Dorf neu.

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