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Jemanden die Zeit bieten

Jemanden die Zeit bieten

Dr. Ulf Häbel
Ein Beitrag von Dr. Ulf Häbel, Evangelischer Pfarrer, Laubach-Freienseen

Ich bin in Darmstadt die Straße entlang gegangen. Mir kam eine alte Frau entgegen, die auf den Rollator gestützt einen Schritt vor den anderen setzte. Unsere Blicke trafen sich, und ich sagte Guten Tag. Da hat sie geantwortet: „Sie sind nicht von hier. Sie kommen aus einem Dorf.“ „Woher wollen Sie das wissen?“, habe ich zurückgefragt.  So kamen wir ins Gespräch. Sie hat mir erzählt, dass sich in der Stadt die Leute nicht grüßen; es sei denn, sie sind direkte Nachbarn oder kennen sich. Früher hatte sie einmal in einem Dorf gewohnt. Da war das anders.

Und nun vergleicht sie manchmal das Leben in der Stadt mit dem auf dem Dorf. Zum Beispiel wer da wen grüßt. Dass im Dorf jeder jeden grüßt, ist auch nicht mehr so. In meiner Kindheit war das noch so. Wir lernten damals: Du sollst dem anderen Menschen die Zeit bieten. So hat man das ausgedrückt. Gemeint war: Dem Menschen, dem man auf der Straße begegnet sagt man je nach Tageszeit „Guten Morgen“, „Guten Tag“, „Guten Abend“ . Noch schöner ist natürlich, wenn man auch den Namen dazu sagst: „Guten Morgen, Karl.“ „Guten Tag, Irmgard.“ „Guten Abend, Mia“

„Jemandem die Zeit bieten“, finde ich einen schönen Ausdruck für den Moment, in dem ein Mensch dem anderen begegnet und die beiden sich grüßen. Wenigstens für diesen Augenblick heißt das: Ich sehe dich, ich nehme dich wahr und ich würdige dich. Ich bin nicht nur bei mir und renne nicht blindlings an dir vorbei.

Der alten Frau von meinem Gespräch in Darmstadt werde ich vermutlich nie wieder im Leben begegnen. Ich weiß nicht einmal ihren Namen. Doch die paar Minuten Gespräch mit ihr waren schön für sie und für mich. Wir hatten uns gegenseitig die Zeit geboten, ein Stückchen Begegnung auf der Straße. Als wir auseinander gegangen sind, da haben wir uns einen guten Tag gewünscht. Das war nicht nur eine Floskel.

Dem anderen Menschen die Zeit zu bieten, ihn zu grüßen, das heißt für mich: Ich bin nicht nur bei mir und für mich selber da. Da gibt es auch die anderen, die dürfen von mir auch etwas haben – meine Freundlichkeit, mein Entgegenkommen, meinen Gruß, meine Zeit. Alles was ich habe oder bin, ist nicht nur mein Besitz; es gehört irgendwie auch den anderen Menschen, mit denen ich zusammenlebe.

In der Bibel steht an einer Stelle der Satz: Meine Zeit steht in deinen Händen. Wer so zu Gott betet, sagt damit: Meine Zeit, die des Tages heute oder auch des ganzen Lebens, liegt in Gottes Hand. Zeit ist geschenkt; sie ist nicht mein Besitz. Und deshalb kann ich von der Zeit, die ich habe, einem anderen Menschen etwas  abgeben, schenken, ihm die Zeit bieten.

Ich glaube, wenn ich wieder einer alten Frau in einer fremden Stadt auf der Straße begegne – oder Blickkontakt mit einem jungen Menschen habe, dann sage ich wieder „Guten Tag“ – selbst wenn ich damit verrate, dass ich aus einem Dorf komme.

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