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Loben und Danken
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Loben und Danken

Dr. Anke Spory
Ein Beitrag von Dr. Anke Spory, Evangelische Pfarrerin, Bad Homburg-Gonzenheim

Ein Freund lädt jedes Jahr zu seinem Geburtstag ein. Egal, ob rund oder nicht: Dann ist die Wohnung voll. Es gibt gutes Essen und Wein. An einem dieser Geburtstage sagt er: Einmal im Jahr muss ich meine Dankbarkeit richtig ausdrücken. Das ist mir ein Bedürfnis. Ich feiere, weil ich dankbar bin. Dankbar dafür, dass ich da bin und lebe; dankbar dafür, dass ihr da seid.

Die Worte dankbar und Dankbarkeit kommen in der Bibel selten vor. Und doch zieht sich die Dankbarkeit wie ein roter Faden durch die Texte des Alten und des Neuen Testamentes. Doch wenn da von Danken gesprochen wird, ist fast immer auch vom Loben die Rede.

Danken und Loben reagieren auf jemand anderen, auf mein Gegenüber, das mir Gutes tut. Die Menschen der Bibel können den gütigen König genauso loben wie den tüchtigen Knecht.

Wir kennen das Loben heute fast nur noch in Beziehungen von oben nach unten, in hierarchischen Beziehungen. Eine Lehrerin lobt einen Schüler, ein Chef seine Angestellte. Meist wird in pädagogischer Absicht gelobt, damit ein Schüler dann noch besser wird. Oder leistungsbezogen, damit die Arbeit beim nächsten Mal wieder gut wird.

Wenn ein Wort im alltäglichen Sprachgebrauch fast verloren geht, dann hat das meistens eine tiefere Bedeutung. Wieso loben wir nicht mehr? Warum danken wir so selten? Die Antwort auf diese Frage ist charakteristisch für uns selbst. Wir haben vergessen: Das, was wir sind und das, was wir haben, sind ein Geschenk. Wer das vergisst, lebt von der Illusion, dass alles machbar ist, dass er die Zukunft im Griff hätte. Wer so denkt, warum sollte der irgendwem gegenüber dankbar sein?

Der Psalm 103 beginnt mit den Worten: Lobe den Herrn meine Seele und alles in mir seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Das heißt nicht, alles schön zu reden. Das heißt auch nicht, das Schwere kleinzureden. Diese Worte „Lobe den Herrn“ fordern zu einer anderen Perspektive heraus. Wer sich entschließt, Gott dankbar zu sein, der verändert, was er denkt und meint. Wenn man sich an das Gute erinnert, setzt man sozusagen eine andere Brille auf. Wer dankbar ist, sieht das Leben mit anderen Augen.

Manchmal ist es nicht leicht, zu danken und zu loben: Da trifft einen eine schwere Krankheit oder ein Schicksalsschlag. In solchen Momenten hadert man mit dem Leben. Manche werden bitter und hart dadurch. Viele Menschen erzählen aber auch, dass sie in einer schwierigen Situation gewachsen und gereift sind. Im Rückblick sind viele auch für schwere Erfahrungen dankbar.

Es gibt Augenblicke, da spüre ich: Das Leben ist ein merkwurdiges Gut. Oft sind es Grenzerfahrungen: wenn der Tod mir nahe kommt. Oder auch in Glücksmomenten. Ein Mensch bekommt ein anderes Gesicht für mich. Das Leben ist nicht einfach selbstverständlich. Es ist eine Gabe, ein Geschenk.

Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Was man äußerlich empfängt, wird einem innerlich zu eigen, wenn man lobt und dankt. Erst wenn ich Worte dafür finde, dann wird mir bewusst, was mir Gutes widerfahren ist. So wie bei dem Freund, der jedes Jahr seine Freunde einlädt.

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