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"Lass diesen Kelch ..."

"Lass diesen Kelch ..."

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von Rüdiger Kohl, Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Dieser Satz ist sprichwörtlich geworden: „Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen!“ Jesus hat ihn als erster gesprochen. Nach der letzten gemeinsamen Mahlzeit mit seinen Jüngern war er mit einigen in den Garten Gethsemane gegangen, damals, in der Nacht, in der er verraten werden sollte. Jesus will allein sein und zieht sich zum Beten zurück. Er ahnt, was da auf ihn zukommen soll, und er zeigt sich zutiefst menschlich: Er zittert, ist sich seiner Sache nicht mehr sicher, wird von der Angst auf die Knie gezwungen. Ein Stoßgebet kommt über seine Lippen. „Vater, lass diesen Kelch an mir vorüber gehen…!“

„Bitte lass diesen Kelch an mir vorüber gehen.“ In wie vielen Wartezimmern wird dieser Satz gedacht, gebetet, wenn die bunten Bilder in der ausgelegten Illustrierten keine Ablenkung bringen. Das Zittern und Zagen im Blick auf eine mögliche Diagnose.

„Bitte nicht das noch!“ Ein tiefer Stoßseufzer von Eltern etwa, die ohnmächtig mit ansehen, wie ihr Kind die Schule schmeißt, frustriert von schulischen Misserfolgen. „Das darf nicht wahr sein! Kommen wir an unser Kind noch ran? O Gott, lass diesen Kelch an uns vorüber gehen!“

Viele Menschen, die ihre alt gewordenen Eltern pflegen und selber ganz erschöpft sind, gehen mit Angst auf die vor ihnen liegende Zeit zu. Bleibe ich allein mit dieser riesigen Aufgabe? Fragt noch jemand nach ihm oder ihr? Fragt noch jemand nach mir? Es wäre schön, wenn sich mal wieder jemand sehen ließe.

„Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen.“ Manchmal ein Gedanke, den sich Menschen verbieten. Aber er ist ganz einfach da.

Die letzten Minuten Jesu in Freiheit zeigen, wie vertraut er ist mit diesen Kreuzwegstationen vieler Menschen. An einem Tag wie heute, Gründonnerstag, ist das das Thema: Selbst für Jesus gab es Momente, wo er das Böse, das Schlimme im Leben nicht mehr tragen konnte. Für ihn und für uns gibt es Momente, in denen man fragt: „Wo bist du, Gott, wenn die Kräfte erlahmen und man nicht noch mehr schultern kann?“

Die Bitte: Lass den Kelch an mir vorüber gehen!  ist bis heute geläufig. Weniger bekannt ist ein anderer Satz in der Geschichte von Jesus am Tag vor seiner Hinrichtung. Er heißt: „Es ließ sich sehen von ihm ein Engel vom Himmel, der ihn stärkte.“ Die Angst vor dem Kelch ist dann nicht weg, aber wir können diesen Satz mit denken und mit beten. Der Engel stärkte ihn. Das heißt so viel wie: Kräftigen. Den Rücken stärken. Widerstandskraft verleihen. Panik kontrollieren. Gelassenheit schenken. Sinn ahnen lassen. Und in etwas bestärken, das man als richtig erkannt hat.

Wenn vom Engel die Rede ist, kann das heißen: Gott lässt sich sehen in der Not, wenn sie am größten ist. Wie oft ist damit ein Mensch gemeint, der für einen anderen zum Engel wird. Der einen anderen begleitet, damit dieser nicht allein im Arztzimmer warten muss. Der Freund, der den Eltern hilft, eine Brücke aufzubauen zum Kind, das sie zu verlieren drohen. Die Nachbarin, die die pflegenden Angehörigen eine Zeitlang ablöst und ihnen eine nötige Ruhepause verschafft.

Das kleine Stoßgebet kann länger sein als bisher angenommen. Vielleicht so: „Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Und wenn es nicht möglich ist, dann lass mich  sehen deinen Engel vom Himmel.“

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