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Googeln in den Genen

Googeln in den Genen

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von Rüdiger Kohl, Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

Ich bin ein neugieriger Mensch. Ich würde zum Beispiel gerne mehr über meine genetischen Stärken und Schwächen erfahren. Und vielleicht sogar in meine eigene gesundheitliche Zukunft schauen. Wo droht Gefahr? Was kann ich tun, um Krankheiten zu verhindern? Ich würde schon gerne wissen: Bekomme ich später eine Glatze? Steht mir eine schlimme Krankheit bevor? Wenn ich Antworten auf solche Fragen hätte, könnte ich mich schon innerlich und äußerlich auf meine Zukunft einrichten und wäre vielleicht nicht so schockiert. In grauen Vorzeiten haben Menschen Orakel befragt. Diese Methode ist aus der Mode gekommen. Antworten auf meine bangen Fragen versprechen heute Online-Anbieter privater Gentests.

Auch Dr. Anna Eichhorn bezeichnet sich selbst als neugierigen Menschen. Sie ist Biochemikerin in Frankfurt und entwickelt mit ihrer Firma Gentests, die Ärzten bei der Wahl der richtigen Therapie für die Patienten helfen. Anna Eichhorn hatte sich entschieden, ihr eigenes Erbgut untersuchen zu lassen. Das war für sie bezahlbar. Sie meldete sich online bei der von Google mitfinanzierten Biotech-Firma 23andme an und sandte per Post eine Speichelprobe an die Firma. „Genomsequenzierung“, nennen das die Fachleute. Man könnte auch salopp sagen: Googeln in den Genen.

Dann rief sie mit einem Passwort die Ergebnisse im Internet ab. So hat sie zum Beispiel etwas darüber erfahren, welche Arzneimittel sie nicht verträgt. Das könnte nützlich sein. Und dass sie durchaus älter als hundert Jahre werden kann.

Als Fachfrau kann sie diese Informationen gut einordnen. Anders als die hunderttausende von Menschen, die in den USA ihr Genom untersuchen ließen. Was fangen die Menschen mit den Informationen an, die sich ohne Beratung auf diese Analyse einlassen? Und wer garantiert, dass diese sensiblen Daten auch wirklich bei der entsprechenden Person bleiben?  Dr. Anna Eichhorn ist deshalb kritisch. Sie erzählt: „Zwei mögliche Informationen über meine gesundheitliche Zukunft habe ich von vornherein schwärzen lassen: Über mein Risiko, an den Erbkrankheiten Parkinson oder Alzheimer zu erkranken, will ich nichts wissen. Das ist doch so, als würde ich erfahren, mit ziemlicher Sicherheit eines Tages auf dem Weg zur Arbeit mit großer Geschwindigkeit gegen einen Baum zu fahren. Ich will das nicht wissen...“

Mir leuchtet diese Aussage ein. Wenn ich alles über meine Zukunft weiß, heißt das nicht, glücklicher zu werden. Im Gegenteil: Diese Informationen könnten mich unglücklich machen. Sie könnten mein Leben regelrecht zerstören. Trotz aller verständlichen Neugier. Und obwohl es reizvoll sein mag, in die Zukunft zu schauen: Ich werde nicht in meinen Genen googeln. Ich versuche lieber, meiner Zukunft gegenüber offen zu bleiben. Neben der genetischen Veranlagung gibt es ja auch noch andere Faktoren, die mein zukünftiges Leben bestimmen: Einflüsse der Umwelt, mein eigener Lebenswandel. Und hinter dem allen: Gott, von dem ich glaube, dass er unser Geschick in seiner Hand hält. Über ihn heißt es im Psalm: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn. Er wird´s wohl machen.“ Bestimmt hat Gott Wege für mich, von denen ich jetzt noch gar nichts weiß – und noch gar nichts wissen kann.

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