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Philomena

Philomena

Rüdiger Kohl
Ein Beitrag von Rüdiger Kohl, Evangelischer Pfarrer, Frankfurt-Bockenheim

„Ich will nicht hassen! Nein, ich will nicht hassen!“ Die Frau, die das sagt, hätte allen Grund, die Menschen zu hassen, die ihr unendlichen Schmerz zugefügt haben. Sie heißt Philomena. Ihre wahre Geschichte erzählt der gleichnamige Film, der zurzeit in deutschen Kinos läuft. Ein Film voller unendlich trauriger und auch komischer Momente. Für mich war er zu Recht für den Oscar nominiert.

Als junges Mädchen verliebt sich Philomena auf einer Kirmes in einen charmanten jungen Mann und wird schwanger. Da sie im erzkatholischen Irland der fünfziger Jahre lebt, geben ihre Eltern sie in ein Kloster. Ihr Leben ist für die nächsten Jahre eine einzige Strafe für die angebliche Sünde der Wollust. Unter drastischen Schmerzen muss sie ihr Kind zur Welt bringen, danach tagein tagaus im heißen Dampf der Wäscherei wie eine Sklavin schuften.

Alle Kontakte zur Familie sind verboten. Sie ist nur wenige Augenblicke glücklich, wenn sie ihren Sohn Anthony täglich eine Stunde lang sehen darf. Als ihr Sohn vier Jahre ist, wird er an ein wohlhabendes amerikanisches Paar verkauft. Durch das Gitter des Klostertores muss sie ohnmächtig zusehen, wie sich die Limousine entfernt. Und mit ihr ihre Hoffnung auf ein gemeinsames Leben mit ihrem Kind. Der Name Philomena stammt aus dem Griechischen und bedeutet: „Die der Liebe treu bleibt“. Genau das verkörpern die junge Schauspielerin Sophie Clark und für die ältere Philomena die große Judi Dench in jeder ihrer Gesten und Regungen.

Es gibt einen Satz über die Liebe in der Bibel, im neuen Testament, im Johannesbrief. Da heißt es: „Gott ist die Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“. Ich stelle mir vor: Wie schwer muss es sein, der Liebe treu zu bleiben, wenn man sich gegen ein gnadenloses System stemmen muss. Auch noch gegen ein System, das vorgibt, im Namen Gottes zu handeln. Ähnliches Leid wie Philomena haben viele Menschen erlitten, in Heimen und Einrichtungen, auch in vielen kirchlichen. Besonders, wenn sie nach deren Maßstäben nicht der moralischen Ordnung entsprachen. Dann sollten ihr Wille und ihr Rückgrat gebrochen werden. Das ist nichts anderes als seelischer und körperlicher Missbrauch. Im Jahr 2009 legte die irische Regierung einen Bericht über das Schicksal von 35000 Kindern und Jugendlichen in kirchlichen Schulen, Waisenhäusern und Klöstern vor. Schrecklich, dass da die Kirche vor Ort am Leid der Menschen verdient hat.

Ihr ganzes Leben lang denkt diese lebenskluge Frau Philomena an Anthony und fragt sich, ob er auch an sie gedacht hat. Zusammen mit dem prominenten englischen Journalisten Martin Sixsmith reist sie als älter gewordene Frau in die USA und wieder zurück nach Irland. Das ungleiche Duo findet die Spur ihres Sohnes. Philomena veröffentlicht ihre Geschichte und verhilft der Wahrheit zu ihrem Recht.

„Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ Eine Wahrheit, die doch schwer zu leben ist, weil Gottes Liebe an vielen Orten verraten wird. Vielleicht schafft man das nur, wenn man auch gute Erfahrungen macht. So wie Philomena. Auf ihrer langen Reise erfährt sie: Ihr Sohn hat seine Mutter und seine irische Heimat nie vergessen. Das stärkt sie in ihrem Glauben an einen menschenfreundlichen Gott. Philomena, die im Kloster gebrochen werden sollte, steht am Ende aufrecht vor der noch immer hasserfüllten Oberin und sagt: „Sie sollen wissen, dass ich Ihnen vergebe.“

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