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Vor meiner Zeit
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Vor meiner Zeit

Dr. Ursula Schoen
Ein Beitrag von Dr. Ursula Schoen, Prodekanin, Evangelisches Stadtdekanat Frankfurt

Ich war vielleicht acht Jahre alt, als ich mit meiner Mutter auf eine Reise gehen durfte. Als einzige von uns vier Kindern ganz mit ihr alleine unterwegs zu sein, das war schon eine Aufregung an sich! Mit dem Zug fuhren wir vom Rheinland ins südliche Bayern, aßen - was wir sonst nie taten - zusammen im Speisewagen und landeten dann irgendwann am Abend am Starnberger See. Hier empfing uns eine strahlende Frau am Bahnhof. Sie war eine Schulfreundin meiner Mutter. Schon auf dem Fußweg zu ihr nach Hause wurden alte Geschichten ausgetauscht. Der Abend verlief mit endlosen Gesprächen und viel Gelächter. Meine Mutter tauchte ab in eine andere Welt.

So ging es fast eine Woche lang -  überall öffneten uns strahlende Menschen die Türen. Sie begannen sofort vom dem zu erzählen, was sie „früher“ nannten. Sie riefen meine Mutter mit Namen, die ich nie gehört hatte. Ich selbst wurde eher vergessen. In meiner kindlichen Seele reifte eine für mich überraschende Erkenntnis: Ganz offensichtlich hatte es im Leben meiner Mutter eine „Vormutterzeit“ gegeben – eine Zeit, in der sie an anderen Orten und mit anderen Menschen gelebt hatte, ja sogar eine andere Sprache gesprochen hatte, wenn man das Bayrische so nennen darf! Und eine kleine Eifersucht auf diese andere Welt meiner Mutter stieg in mir auf: Da gab es Beziehungen, von denen ich nichts gewusst hatte. Erfahrungen, die ich nie geteilt hatte. Sie war Kind, Freundin, Schülerin, vielleicht auch Geliebte… gewesen. Alles das eben „vor meiner Zeit“.

Später habe ich begriffen, welchen Schatz dieses Leben „vor meiner Zeit“ für meine Mutter war. Diese Erinnerungen und Beziehungen waren so eine Art zweites Standbein für sie. Ein sicherer Ort, an den sie in ihren Gedanken zurückkehrte, wenn sie an ihrer Rolle als Mutter oder als Partnerin zweifelte. Wenn sie ratlos war, wenn sie die Kraft verließ oder die Hoffnung, dann kehrte sie an diesen Ort zurück und spürte nach, wie sie damals als Kind geborgen und zuversichtlich war. Sie hat ihr Leben offen gehalten für diese tiefe Basis. Darauf vertraut: das Vergangene ist nicht abgeschlossen, sondern kann in ihr Hier und Heute hineinwirken.

Auch im Glauben geht es für mich genau um das. Um das Offenhalten meines Leben für die Geschichte, die Gott lange vor meiner Zeit mit Menschen begonnen hat. So wie es in Psalm 90 heißt: „Gott, du bist unsere Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Davon lese ich in der Bibel, das trage ich in mein eigenes Leben ein. Diesem tieferem Grund spüre ich nach und lasse mich von seiner Kraft tragen. Wie gut, dass es ein Leben „vor meiner Zeit“ gab!

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