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Am Jabbock
Bild: Pixabay

Am Jabbock

Ein Beitrag von Gisela Brackert, Journalistin und Autorin im Ruhestand, evangelisch, Frankfurt

Darf ich Ihnen, so früh am Morgen, eine schwierige biblische Geschichte zumuten? Sie treibt mich um. Beschrieben wird im 1. Buch Mose eine nächtliche Szene am Fluss Jabbock.

An seinem Ufer ein Mann, der in eine ungewisse Zukunft aufbricht. Sein Name Jakob. Sohn des Isaak.- Seinem etwas einfältigen, aber älteren Zwillingsbruder Esau hatte er vor Jahren für ein warmes Mittagessen das sogenannte Erstgeburtsrecht abgehandelt, was die Vorrangstellung in der Familie sicherte. Er hatte sich dann auch noch, in den Kleidern dieses Bruders, vom blinden Vater den großen Segen geholt hatte. Ein schlimmer Finger also, dieser Jakob, denn was so ein alttestamentarischer Vätersegen ist – der kann nur einmal ausgesprochen werden. Für den Bruder blieb da nicht mehr viel übrig. Jakob hatte also allen Grund gehabt, die Rache des Bruders zu fürchten und außer Landes zu gehen.

Nun aber waren Jahrzehnte ins Land gegangen und unser Jakob spürte das Bedürfnis, ins Land der Väter zurückzukehren. Mit großem Gefolge, Tieren, Dienern, Frauen und Kindern machte er sich auf den Weg, schickte Geschenke voraus, die den Bruder günstig stimmen sollten, war aber doch recht unsicher, wie sich die Dinge entwickeln würden.

Es war die Nacht vor der entscheidenden Begegnung. Seine Familie hatte er schon über den Fluss bringen lassen. Jakob wollte alleine sein. Am Ufer des Flusses Jabbock. Soweit die Vorgeschichte zu einer Szene, die im Allgemeinen als „Jakobs Kampf mit dem Engel“ bekannt ist.

Von einem Engel freilich ist in dem alttestamentarischen Text (1. Mose 32, 23 – 30) nirgendwo die Rede. In dürren Worten wird da nur von einem Zweikampf im Schatten der Nacht berichtet. „Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.“ Wer ist dieser Mann? Einer der Beute machen will? Ein Mörder? Der hätte kurz und heftig zugeschlagen.

Die Zwei aber bleiben über Stunden in einander verkrallt, immer wieder die Kräfte messend. Am Ende dieses Ringens gibt es zwei Sieger. Der große Namenlose macht Jakob durch eine Hüftverletzung zum Gezeichneten. Jakob aber entreißt dieser dunklen Kraft noch einmal einen Segen. Einen Segen, der nicht erschlichen ist, sondern erkämpft: „Ich lasse dich nicht. Du segnest mich denn“. Jakob hat in seinem Sparringspartner Gott erkannt. Was mache ich mit dieser alttestamentarischen Geschichte? Warum beunruhigt sie mich? Geht mich dieser Kampf überhaupt etwas an? Ich bin doch nicht Jakob.

Aber wenn doch? Wenn das Sich Einlassen mit Gott ohne Kampf gar nicht zu haben wäre? Wenn Gott eben nicht nur Liebe wäre, sondern auch die dunkle Macht, die zuschlägt, zerstört, überwältigt? Wenn es erst in der tiefsten Verzweiflung zu einer wirklichen Begegnung käme? Ich erschrecke. Das ist kein „lieber Gott“. Das ist eine Macht, die immer auch anders kann, deren dunkle Seiten wir fürchten müssen.

Im Judentum ist die dunkle Seite Gottes immer präsent geblieben. In unseren christlichen Gottesdiensten kaum mehr. Da wird ein helles, ein menschenfreundliches Gottesbild gepredigt. Alles scheint Geschenk und Liebe. Ich fürchte nur, dass das der Realität nicht standhält. Nicht unserer und nicht dem, was in der Bibel über Gott gesagt ist. Wir müssen tiefer graben. Bis hinunter zu demGott, der Jakob am Jabbock überfällt. Das Erschrecken gehört dazu. Das Ringen um den Segen auch.

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