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Das Bild an der Wand

Das Bild an der Wand

Ein Beitrag von Gisela Brackert, Journalistin und Autorin im Ruhestand, evangelisch, Frankfurt

Meinen Großvater väterlicherseits habe ich nicht gekannt. Er war ein Bild an der Wand. Und wann immer vom Ersten Weltkrieg die Rede ist, - das ist in diesem Jahr ziemlich häufig der Fall -, steht dieses Bild vor meinen Augen. Ein schwarzgerahmtes hochvergrößertes Foto in Sepia-Braun. Es zeigt einen sitzenden Mann in sehr zivil wirkender Uniform. Das Gesicht ist ernst und gesammelt. Brille mit schmalem Goldrand, hohe Stirn, zurückweichender Haarkranz. Ein Intellektueller, kein Praktiker.

Das Bild wurde 1917 aufgenommen. Ein halbes Jahr später war der Mann tot. Von einer Granate zerrissen, in einem Waldstück bei Reims. Er hatte einen Spähtrupp auf einem riskanten Erkundungsgang begleitet. Der Mann war Pfarrer. Er wurde 38 Jahre alt und hinterließ eine Frau mit vier kleinen Kindern. Und eben das Bild an der Wand.

Der frühe Tod meines Großvaters hat eine lange Spur gezogen. Sie hat auch mich noch mitgeprägt. Und weil das so ist, lege ich das Bild nun neben mich und versuche, über die Spanne von 100 Jahren hinweg, mit ihm zu reden. Warum, Mann Gottes, bist Du dieses Risiko eingegangen? Du hättest nicht in diesen Krieg ziehen müssen. Pfarrer waren vom Wehrdienst befreit. Du hast Dich freiwillig gemeldet. Wolltest als Feldgeistlicher mit dabei sein, bei diesem Krieg, der Deutschland die Vorherrschaft sichern sollte.

Hast Du dich je gefragt, was aus Deiner Familie würde, wenn Du nicht zurückkämst? Du hattest vier Kinder zwischen 8 Jahren und zwei Monaten. Deine Pensionsansprüche waren bescheiden, Du warst ja noch nicht lange im Amt. Deine Frau wurde mit 31 Jahren Witwe, sie musste in ihr Elternhaus zurückkehren und Deine Söhne waren auf Freistellen angewiesen, um die höhere Schule besuchen zu können. Was hast Du Dir bei diesem Entschluss gedacht?

Ich nehme an, Du hast an Deutschland gedacht. Eine magische Vokabel, die 1914 mit soviel Pathos und Begeisterung aufgeladen war, dass es als süß und ehrenvoll galt, dafür zu sterben. Ihr evangelischen Pastoren habt euch ja kräftig an der Befeuerung dieser Stimmung beteiligt. Tu ich Dir Unrecht? Wolltest Du aus christlicher Verantwortung dort sein, wo bald die Not am größten war: In den Schützengräben vor Verdun, in den Feldlazaretten dieses mörderischen Bruderkrieg, der sich zum Weltkrieg auswuchs und Millionen junger Männer das Leben kostete? Trieb dich ein ähnlicher Impuls wie einige Jahre früher, als Du vom Landpastorat in eine Arbeitergemeinde bei Krupp in Essen wechseltest?

Wolltest Du Deinen Dienst vor allem dort tun, wo es schwierig wird? Deine Frau hat uns nie einen Brief von Dir gezeigt. Eigentlich merkwürdig. So bleibt Dein Bild unscharf und ich frage weiter: Wärst Du als ein Verwandelter aus dieser Hölle zurückgekommen? Als einer, der für eine neue Ordnung eingetreten wäre? Der sich für die Demokratie stark gemacht hätte, die 1918 unter schwierigsten Umständen ausgerufen wurde?

Ich möchte mir das gern vorstellen, auch wenn ich weiß: der Großteil der deutschen Pfarrerschaft stand der Weimarer Republik ablehnend gegenüber und hat sich das alte Bündnis zwischen Thron und Altar zurück gewünscht. Die Großmutter erzählte immer, Du habest Dich für Friedrich Naumann begeistert. Na, immerhin! Denn das war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Mann, der die soziale Frage durch Versöhnung von Liberalismus und Protestantismus zu lösen suchte. Theologe wie Du, ein politischer Kopf mit weitgespanntem Netzwerk und demokratischen Grundüberzeugungen. „Freisinnige“ nannte man solche Leute damals. Kann ich Dich dazu rechnen? Das Bild bleibt stumm. Schade, sehr schade.

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