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Licht werden

Licht werden

Ein Beitrag von Janine Knoop-Bauer, Evangelische Pfarrerin, Darmstadt

In den letzten Wochen des Winters wird meine Sehnsucht nach Frühling groß. Ich sehne mich nach Leichtigkeit. Ich möchte alles Schwere hinter mir lassen: Die schweren Stiefel eintauschen gegen leichtere Schuhe, die schweren Stoffe von Mantel und Schal in den Schrank verbannen und helle Kleider und bunte Tücher hervorholen.

Deshalb versteh ich auch gut, was den Reiz eines Frühjahrsputzes ausmacht. Denn auch rund um mich wünsche ich mir neue Leichtigkeit. Ich will das Haus vom Staub des Winters befreien und Licht und Luft in alle Zimmer lassen. Ich will für neuen Durchblick sorgen: Bei den Fenstern anfangen und auch vor der Kramschublade in der Küche nicht Halt machen. Und wie ich so durchs Haus wirbel, fällt mir ein Satz ein, den ich in der Adventszeit oft gelesen habe. Er steht in der Bibel im Buch des Propheten Jesaja. Dort heißt es: Mache dich auf, werde licht. (Jesaja 60, 1)

Licht werden! das trifft genau meine Sehnsucht. Wenn etwas licht wird, dann reduziert es sich. Eine unüberschaubare Größe wird plötzlich übersichtlich. Wie in einem Wald, in dem das Unterholz gelichtet wird. Es wird Platz gemacht für die Bäume. Platz, den sie zum Wachsen brauchen. Um meine Umgebung zu lichten, braucht es nicht viel: Ein paar Putzhandschuhe vielleicht, einen Lappen und eine große Mülltüte. So ausgerüstet laufe ich durch alle Zimmer und sortiere aus und entsorge.

Beim Aufräumen des Hauses wächst der Stapel mit dem Altpapier am schnellsten. Alte Zeitungsartikel, Informationsbroschüren, Elternbriefe aus dem Kindergarten. Eine Flut aufgestauter und nicht wahrgenommener Informationen. Das ist  der Stoff, aus dem ein Teil meines schlechten Gewissens gemacht ist. Hier trifft sich die äußere Unordnung mit der inneren.

Und dabei spüre ich:  ich sehne mich nicht nur äußerlich nach neuer Übersichtlichkeit. Auch in mir soll es klarer werden. Ich möchte aufräumen in mir und Raum schaffen. Eine Lichtung schlagen, damit auch in mir wieder mehr Platz ist. Platz, den die wirklich wichtigen Dinge zum Wachsen brauchen.

Mache dich auf – werde licht! Bei Licht betrachtet, habe ich viele Informationen nicht gebraucht. Bei Licht betrachtet, werde ich mir nicht die Zeit nehmen, alles  zu lesen. Bei Licht betrachtet, nehmen sie mir nur Platz und stehen mir im Weg. Äußerlich als Berge von Altpapier. Innerlich als stumme Aufforderungen sich ihrer anzunehmen. Wenn ich entschieden habe, die unverarbeiteten Informationen zu entsorgen, spüre ich, wie es sich auch in mir lichtet. Das Abwerfen des äußeren Ballastes macht auch mich leichter. Es schafft Raum in mir.

Manchmal geht es Hand in Hand, das Aufräumen außen und das Aufräumen innen. Sicherlich wird man mit einem ausgedehnten Frühjahrsputz nicht alles aus dem Weg räumen können, was innerlich den Platz verstellt. Aber es ist ein Anfang.

Mache dich auf, werde licht. Das ist ein Satz aus der Adventszeit. Ich glaube, dass diese Botschaft nicht nur in die Weihnachtszeit gehört. Lichtwerden und leicht – das ist meine Botschaft für diesen Frühling. Platz machen, damit Neues Raum hat um wachsen zu können, außen und innen.

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