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Michelangelo
Bild: Pixabay

Michelangelo

Ein Beitrag von Janine Knoop-Bauer, Evangelische Pfarrerin, Darmstadt

Eigentlich wollte er das nicht: Malen. Noch dazu für einen Papst, mit dem er sich schon einmal zerstritten hatte. Er war Bildhauer. Das war es, was er ein Leben lang machen wollte: Skulpturen aus Stein meißeln.  Aus Marmor. Darin war er meisterhaft, und diese Meisterschaft wollte er noch vorantreiben. Aber er hatte keine Wahl. Und so gehorchte Michelangelo im Jahr fünfzehnhundertsieben und machte sich daran die Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen. Anfang dreißig war er damals.

Aber Michelangelo stellte Bedingungen: Er wollte freie Hand für die Wahl der Themen und Bildmotive. Niemand sollte ihm reinreden und niemand sollte sein Werk betrachten können, bevor es fertig ist – ausgenommen sein Auftraggeber, Papst Julius der Zweite.

Und so wurde es gemacht. Vier Jahre lang malte Michelangelo an den Fresken. Alleine. Auf dem Rücken liegend. Verbissen und ganz und gar unzufrieden. Nicht etwa, weil er an der Qualität seiner Arbeit zweifelte - Michelangelo war mit einem unerschütterlichen Selbstvertrauen gesegnet. Sondern unzufrieden, weil er seine Zeit mit der Malerei und nicht mit dem Behauen und Bearbeiten von Marmor verbrachte. Trotz allem Widerwillen hat Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle seine tiefste Spur hinterlassen. Seinem Namen ein bleibendes Denkmal gesetzt.

Mir macht diese Geschichte Mut. Ich bin zwar nicht genial wie Michelangelo. Aber ich muss auch oft Zeit mit Dingen verbringen, von denen ich denke: Sie liegen mir so gar nicht. Dinge, die ich schon kann und tun muss, die aber eher Pflicht sind als Neigung.  Ich stelle mir vor: Auch ich könnte mit meinem manchmal ungeliebten Tun vielleicht tiefere Spuren hinterlasse, als ich mir ausmalen kann. Dann werde ich sorgfältiger dabei. Dann gebe ich auch nicht so schnell auf. Ich glaube nicht, dass man alles lernen kann und auch nicht, dass man es überall zur Meisterschaft bringen kann. Aber man kann es ja wenigstens versuchen. Das hilft mir, Herausforderungen anzunehmen. Auch die, die mir unliebsam sind. Da kriege ich Zutrauen. Zutrauen zu dem, was ich kann. Vielleicht braucht es ja gerade mich, um die Aufgabe gut und richtig zu lösen.

Die Nachwelt ist sich sicher: Kein genuiner Maler hätte die Aufgabe der Bemalung der Sixtinischen Kapelle besser gemeistert als Michelangelo. Denn gerade weil er eigentlich Bildhauer war, hatte er ein Gespür für Körper. Er kannte sich aus mit Proportionen. Und so schuf er dreihundert Figuren, die so plastisch sind, dass sie viele bis heute beeindrucken.

Und Michelangelo? Auch er hat wohl etwas vom Widerwillen an der Malerei vergessen über dem Erfolg seiner Arbeit in der Sixtinischen Kapelle. Denn fünfundzwanzig Jahre später kehrte er dorthin zurück. Mit sechzig Jahren malte er das größte zusammenhängende Fresko, das je gestaltet wurde, an die Altarwand der Kirche. Eine Szene aus dem Jüngsten Gericht. Weitere fünf Jahre widmete er der Malerei – obwohl er das doch eigentlich nie wollte.

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