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Versöhnung im Libanon

Versöhnung im Libanon

Ein Beitrag von Frank Fornacon, Pastor evangelische Freikirche

„Wir rechneten mit dem Tod“, erinnert sich der Pastor der kleinen protestantischen Gemeinde im Westen Beiruts an die Belagerung seiner Stadt. Damals in den 80er Jahren erreichte der fast 18 Jahre dauernde Bürgerkrieg seinen traurigen Höhepunkt. Israelische Truppen hatten den Süden des Landes besetzt und kontrollierten die Zugänge zur Hauptstadt. Christliche Milizen und muslimische Einheiten, palästinensische Verbände und syrische Truppen lagen im Krieg miteinander. Während der Kämpfe griffen Tiefflieger die eng bebauten Stadtviertel an, in denen vor allem schiitische Muslime lebten. Hier steht bis heute die Baptistenkirche, die auf ihrem Gelände ein großes Schulzentrum betreibt. Der Keller der Kirche war zum Bunker ausgebaut geworden. „Da saßen wir mit unseren muslimischen Nachbarn und beteten Psalmen“, erzählt der Geistliche

Als die Luftangriffe damals ein Haus nach dem anderem in Schutt und Asche legten, musste der Pastor mit seiner Familie die Stadt verlassen. Sie packten ihre Siebensachen aufs Autodach. Der Wagen raste durch die Trümmerlandschaft, die einst ihr Zuhause gewesen war. Das Auto vor ihnen kannten sie gut. Es gehörte der Familie des Imans, der im Elternbeirat der evangelischen Schule mitarbeitete. Am Steuer dessen Frau. Miteinander gelangten die beiden Familien an die grüne Linie, an der feindliche Soldaten die Flüchtlinge aufhielten, durchsuchten und manchmal zurückschickten in den Bombenhagel.

Am Checkpoint geriet die Frau des Imans in Panik. Sie schrie. Die Soldaten wurden nervös. Mit dem Finger am Abzug ihrer Maschinenpistole drohten sie selbst die Nerven zu verlieren. Die Frau war außer sich vor Angst. Sie rief nach ihrem Nachbarn, dem Pastor. Der öffnete gegen alle Vorschriften die Autotür. Er stieg aus. Misstrauische Soldaten verfolgten jeden seiner Schritte. „Pastor – du musst mit mir beten!“ rief die Frau aus dem Auto. Der Seelsorger, dessen Religion so sehr verschieden war von der, seiner Nachbarin, erzählt: „Ich habe ihre Hand genommen, die sie mir aus dem Auto heraus entgegenstreckte. Und dann habe ich laut gebetet. Gegen die Angst habe ich angebetet und für die Soldaten. In deren Hand lag doch unser Leben. Ich habe um Frieden gebetet und dafür, dass die Panik weicht. Ruhe kehrte ein, die Lage entspannte sich. Die Soldaten gingen zur Routine über, fertigten die Flüchtlinge ab und ließen sie passieren, heraus aus dem Hexenkessel von Beirut, hinauf in die Berge, in Sicherheit.

Als der Pastor mir diese Geschichte erzählte, war noch nicht die Rede vom Bürgerkrieg in Syrien. Der Pastor, der damals mit seiner muslimischen Nachbarin um Frieden gebetet hat, ist heute dabei, für die syrischen Flüchtlinge zu sorgen; für Muslime und Christen. Die Freundschaft zwischen seiner christlichen Gemeinde und der muslimischen Nachbarschaft hilft ihm, an die Zukunft des Landes zu glauben. An eine Zukunft, in der Christen und Muslime miteinander für den Frieden beten und aktiv für Versöhnung eintreten. Wie sollte es sonst weitergehen, das Leben in einem zerstörten Land?

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