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Schwester Erna

Schwester Erna

Ein Beitrag von Frank Fornacon, Pastor evangelische Freikirche

Schwester Erna war eine evangelische Diakonisse. Und für mich war sie eine Heilige. Die Menschen, die ihr begegneten, haben sie sehr geliebt. Sie war fromm, furchtlos und immer auf der Seite der Schwachen. Ich lernte Schwester Erna als Bewohnerin eines Altenheims kennen. Da hatte sie längst den 80. Geburtstag hinter sich. Ich war gerade 25.

Die kleine gebückte Frau hatte im Dritten Reich als Jugendseelsorgerin Kindern von Jesus erzählt. Das passte nicht ins Bild der herrschenden Nazis und sie untersagten der Diakonisse mit Kindern zu arbeiten. Trotzdem leitete sie eine Jungscharfreizeit im Erzgebirge, bis die Geheime Staatspolizei kam und ihr diese Arbeit verbot.

Schwester Erna gehorchte, beauftragte aber einfach die jugendlichen Helfer mit der Leitung. Sie selbst übernahm die Küchenarbeit, und wenn eine der unerfahrenen Mitarbeiterinnen nicht weiter wusste, dann kam sie eben in die Küche, um sich Rat zu holen. Als die Gestapo Tage später wieder kam und sie zur Rede stellte, warum sie nicht gehorcht hätte, erklärte sie: „Selbstverständlich habe ich mich daran gehalten und die Freizeit nicht weiter geleitet. Vom Kochen hatten sie nichts gesagt!“

Als der Krieg zu ende ging, geriet Schwester Erna in Berlin zwischen die Fronten. Das Heim, in dem sie arbeitete war zum Gefechtsstand der letzten deutschen Soldaten geworden. Wieder kochte die Diakonisse, nun für die Wehrmacht.

Aber ehe die Kämpfer die Suppe essen konnten, mussten sie die Stellung räumen, und Russen stürmten die Küche. Sie trafen auf eine resolute Frau mit Haube und Schürze. Die zeigte mit dem Kochlöffel auf den gedeckten Tisch: „Setzt euch, das Essen ist fertig!“ Schwester Erna liebte alle. Sie kannte keine Feinde. Einer der Russen zeigte ihr daraufhin ein Bild seiner Mutter, die für ihn in der Heimat betete.

Jahre später, inzwischen war sie im Ruhestand, bekämpften sich in Westberlin Hausbesetzer und Polizei. Der politische Streit eskalierte, Steine flogen, Wasserwerfer zogen auf. Schwester Erna packte einen großen Korb mit Lebensmitteln und einem Blumenstrauß, tat eine Flasche Wein dazu und einen Stapel christlicher Literatur. So ging sie durch die Absperrgitter der Polizei in das besetzte Haus. „Die jungen Leute brauchen doch etwas Anständiges zu essen“, verteidigte sie sich gegenüber den verdutzten Polizisten, die sie aufhalten wollten.

Seit ich Schwester Erna und ihre Geschichte kennen gelernt habe, weiß ich, was es heißt, auf der Seite der Schwachen zu stehen und dabei Gott mehr zu fürchten als die Menschen.

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