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Alles nur, damit er sich nicht schämt
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Alles nur, damit er sich nicht schämt

Michael Becker
Ein Beitrag von Michael Becker, Evangelischer Pfarrer, Kassel

Er lügt. Und weiß natürlich, dass er lügt. Andere wissen es auch. Trotzdem lügt er weiter. Erfindet immer neue Geschichten, gibt anderen die Schuld, sieht überall Fehler, die er natürlich nicht gemacht hat. Ein Wust an kleinen Geschichten liegt um sein Leben wie ein Netz, in dem er sich selbst allmählich verfängt. Keine Geschichte stimmt, jede soll aber unbedingt geglaubt werden. Entsprechend heftig und gestenreich wird erzählt, damit bloß kein Zweifel aufkommen kann. Kommt er aber doch. Trotzdem lügt er weiter. Wenn’s gar nicht mehr geht und andere nichts mehr hören wollen von seinen Geschichten, verlässt er manchmal seine Umgebung und beginnt woanders von vorne. Mit Lügen. Warum macht er das?

Nicht, weil er böse ist. Er macht es, damit ihm niemand auf die Schliche kommt. Man könnte ja seine Schuld erkennen, wenn er die Wahrheit sagt. Das darf nicht sein. Niemand ist gerne schuldig. Dann schwindelt man eben ein bisschen, anfangs. Wenn die Schwindel zunehmen, muss man anfangen zu lügen, damit einem niemand auf die Schliche kommen kann. Viele kleine Schwindel ergeben bald eine große Lüge. Hat man erst mal angefangen, hängt man schnell im Netz der Lügen wie ein Gefangener. Eine Lüge zieht die andere nach sich. Weil‘s dann nämlich schon lange nicht mehr um Schuld und Fehler geht, sondern um etwas viel Schlimmeres: Man schämt sich. Schämt sich, so weit gekommen zu sein. Anfangs dachte man: ein oder zwei Schwindel, dann ist der Fall erledigt. Ist er aber nicht. Dann noch eine kleine Lüge, zuletzt noch eine größere. Schon hängt man fest im Netz, das man selbst ausgeworfen hat. Alles, um sich nicht zu schämen. Genauer gesagt: alles, um nicht zeigen zu müssen, wie sehr man sich schämt. Sich seines Lebens schämt und dass man es einfach nicht geregelt kriegt. Dass man Schulden hat oder zu viel trinkt oder die Arbeit nicht mehr schafft oder die Seele krank ist oder die Frau ausgezogen ist oder was es auch immer sei. Niemand lügt, weil er böse ist. Man lügt, weil man sich schämt. Und sich nicht erträgt als Mensch, der sich seines Lebens schämt. Auf dem Grund der Lüge sitzt die Scham.

Und ich? Ich glaube ihm einfach nichts mehr. Und sage ihm das auch. So klar und hart wie nötig. Zugleich könnte ich sein Leben retten. Ein bisschen. Wenn ich es nur schaffe, dass er sich vor mir nicht schämt; dass er bei mir nicht ohne ein wenig Liebe bleibt, also Verständnis. Wenn es mir gelingt, dass er, trotz allem, an meine Zuwendung glaubt. Gott helfe mir dabei.

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